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Juli 1847
eine laus in den Pelz gesetzt haben. ich hatte neulich mit ihm eine sehr
lange conversation bey Prevôt und dann auf der straße. der mann meint,
hinter den böhmischen Ständen stecke der Panslavismus, und findet die
ständischen Bestrebungen höchst unvernünftig, weil bey einer reorganisi-
rung des ständischen institutes sie aufhören würden, stände zu seyn! Also
weiter hat er es noch nicht gebracht. Wieder ein todter mehr.
die Akademie hat sich constituirt und hammer zum Präsidenten ge-
wählt, eine Wahl, welche von unabhängigkeit zeugt und ihr ehre macht.
von meinem 2. theile ist bereits eine französische übersetzung erschienen,
die ich aber noch nicht sah. gabrielle schreibt mir von franzensbad, daß
man sehr viel von mir spreche, der hofbuchhändler dunker in Berlin bath
sie, mir für die Zukunft seinen verlag anzutragen etc.
von der selbst, tant bien que mal, angefertigten übersetzung des unga-
rischen Programms habe ich schon mehrere Abschriften vertheilt, denn die
sache muß circuliren. mit casimir Batthyany hatte ich mehrere unterre-
dungen. diese Angelegenheit steht für mich jetzt im vordergrunde.
mandell hat mir neulich eine menge schriften etc. aus steyermark von
frankh gebracht. vor einigen tagen aß ich in vöslau bey fries an einem
superben tage und in recht angenehmer gesellschaft. es ist jetzt ein lang-
weiliger däne, Baron Phessen [?] hier, welcher sich mir aufführen ließ und
bey einer merkwürdigen unwissenheit über unsere Zustände dennoch Al-
les ab ovo wissen möchte.
[Wien] 16. July
heute nachmittag fahre ich über Prag, dresden etc. ab, ende August oder
Anfang september bin ich wieder vielleicht über ischel zurück. die schrift
der böhmischen stände von 1790 lasse ich zuhause, zuviel auf einmal wäre
nicht gut, besonders da deym und Bergenthal ohnehin den verfassungs-
streit publiziren werden. ich habe neulich darüber an deym eine lange
epistel geschrieben. Auch louis Batthyany habe ich geantwortet, begehrt,
daß die sache nun aus dem stadium der theoretischen und litterarischen
Besprechung heraus und auf das praktische feld direkter Anträge und in-
struktionen trete, und ihn zugleich gewarnt, ja nicht uns gegenüber den
ton politischer überlegenheit oder eine Protektormiene anzunehmen, wie
Pulszky zu wollen scheint, indem dadurch Alles verdorben werden könnte.
mein Artikel in der Allgemeinen Zeitung macht hier und in ungarn viel
Aufsehen und findet wenigstens dort allgemeinen Beyfall.
Das Wichtigste, was in diesen Tagen vorfiel, ist, daß ich vorgestern ein
schreiben erhielt, welches mich einlud, beym Polizeydirectionsadjuncten
Born zu erscheinen. gestern war ich dann dort, und Born, der mir ein sehr
höflicher braver Mann schien, erklärte mir, er sey durch ein ellenlanges
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien