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September 1847
Wetter auf, so denke ich übermorgen abzureisen, mich bloß in heidelberg
einige stunden aufzuhalten und dann in einem bis köln zu fahren, wo ich
einen Brief kurandas finden werde. dieser wünscht nämlich sehr, mit mir
irgendwo zusammenzukommen, und ich habe ihm meine Pläne mitgetheilt
und erwarte nun seine Antwort. Wahrscheinlich fahre ich dann wieder nach
leipzig, um zu sehen, wie es denn mit Jurany steht, denn der kerl schickt
nichts und antwortet nicht. Auch varnbüler hat mir die versprochenen Ak-
ten etc. nicht geschickt, ich schrieb ihm dann gestern, um ihn zu bitten,
seine sendung nach heinersreuth zu addressieren.
gustav lerchenfeld war mit seinen drey schwestern einen Abend hier, er
kömmt schon am 1. nach hause und wird vielleicht schon am 10. fort müssen,
indem ein außerordentlicher landtag für den 14. september berufen werden
soll, das änderte denn meine Projekte insoferne, als ich nun früher nach hei-
nersreuth zu kommen gedenke, als ich im sinne hatte. da ich lerchenfeld
nur ganz kurz sah, so konnte ich nicht viel Anderes mit ihm sprechen.
mit closen war ich noch ein paar tage viel zusammen, er kaufte hier mei-
nen 2. theil und las ihn in einem tage durch, auch machte er mich mit ne-
benius, leider nur im fluge, bekannt.
gestern las ich mich in der karlsruher Zeitung unter den merkwürdigen
Personen aufgeführt, welche sich eben jetzt hier aufhalten!!
gestern Abends im salon schoß ein junger mensch (von hier) 5 schritte
von mir mit einer terzerole sich ins gesicht und warf, als die Pistole ver-
sagte, sie dem roulettebanquier ins gesicht, er wurde gleich hinausgeführt,
und ein engländer, mr. shepard, sagte zu mir: mais c’est diablement uncom-
mode, il pouvait nous salir, pourquoi ne fait-il pas cela chez lui? der grund
war, daß er 40 fl. in der Bank verloren hatte. gestern morgen schnitt sich
ein franzose den hals ab, man weiß aber nicht, ob des spieles wegen.
ich habe endlich Briefe aus Wien erhalten, darunter welche, die seit dem
10. hier lagen, vortreffliche Postanstalt, nichts neues als eine große ge-
schichte zwischen flore und khevenhüller, in deren folge flore wegbegehrt
hat, doch hoffe ich, daß sich die sache aplaniren werde, ich möchte nicht,
daß meine schwestern gerade jetzt ursache zu gerede und unzufriedenheit
gäben.
dahlmann ist auf reisen, ich werde ihn also nicht treffen.
ich gehe ungern weg. das leben gefiel mir hier immer besser. die nähern
Bekanntschaften die ich machte, sind außer den schon genannten: Bystram,
der Begleiter der gräfin ida hahnhahn, der närrische maltzahn.
frankfurt a/m. 1. september Abends
die 2 letzten tage, die ich in Baden zubrachte, goß es unaufhörlich in strö-
men, was überall unangenehm, in Baden aber unausstehlich ist. einen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien