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Tagebücher710
vincke sitzt zuhause auf seinem gute etc., endlich fehlt es mir an der Zeit,
und so übergab ich geyer nicht nur seinen, sondern auch noch einen an-
dern Brief Wickenburgs an herrn v. schorlemer in lippstadt (die einzigen
Briefe, die ich in Wien erhalten konnte). übrigens hätte mir geyer jedenfalls
wahrscheinlich sehr wenig genützt, denn ich fand in ihm einen eingefleisch-
ten, preußisch-loyalen (und man weiß, was das sagen will) militair, und ganz
gleichgesinnt waren die, die ich bey ihm fand: zwey damen, seine schwäge-
rinnen glaube ich, und ein anderer schon älterer offizier. ich ließ mir dann
von ihnen über das preußische landwehr- und militärsystem etc. erzählen
etc. und ging dann nach hause.
Wenn das gerücht wahr ist, daß der könig von sardinien sich offen für
den Pabst erklärt und gegen die Besetzung von ferrara protestirt hat, so
wäre das für uns höchst wichtig, hat er es aber noch nicht gethan, so wird er
es gewiß bald thun, denn er ist in italien unser gefährlichster feind.
eine große dummheit, die wir in letzter Zeit begangen haben, ist die
lieferung von Waffen und munition an luzern und den sonderbund,1 die
transporte werden nun von allen seiten angehalten, und man kann sich
denken, was das für lärmen macht, überhaupt spielen wir in der schweiz
(wie überall) eine scheißrolle, nur daß wir anderwärts als gefoppte, hier
aber als Aufhetzer erscheinen.
dienstag den 31. ging ich des morgens in das Atelier des Professors hil-
denbrand, der eben ein schönes Bild, desdemona den erzählungen othellos
lauschend, in der Arbeit hat, er schien mir auch sonst ein sehr geistvoller
mann. um 11 fuhr ich nach coeln zurück, wo ich gleich aufs dampfboot
ging, das um 1/2 1 abfuhr. Abends 9 uhr war ich in coblenz, wo ich über-
nachtete, tags darauf um 9 abfuhr und um 6 nachmittag in mainz war. dort
mußte ich 2 1/2 stunden verlieren, bis der eisenbahnzug nach frankfurt
abging. um 1/2 10 war ich hier und wohne im hôtel d’Angleterre.
in Wien soll ein censurkollegium errichtet werden, bestehend aus – Po-
lizeydirector martinez und 2 Polizeybeamten, rekursinstanz bleibt die Poli-
zeyhofstelle und sedlnitzky! das nennt man doch den leuten unverschämt
sand in die Augen streuen!
heinersreuth 8. september
in frankfurt besuchte ich vor Allem nobili, welcher mir mehreres über
die Besetzung von ferrara, unter andern einen officiellen (von schönhals
1 der sonderbund der schweizer kantone luzern, Zug, schwyz, oberwalden, uri, freiburg
und Wallis hatte sich in seinem Konflikt mit den Mehrheitskantonen an Österreich um
unterstützung gewandt. der krieg endete im november 1847 mit der niederlage des son-
derbundes.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien