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Oktober 1847
terpellation in der bayerischen und badischen kammer wegen verletzung
der Bundesgesetze habe ich angeklopft, kurz wir wehren uns unserer haut
so gut es geht. die Zeit für solche coups d’état ist vorüber, namentlich für
eine decrepite in verachtung versunkene regierung wie die unsrige. Auch
an kolb habe ich einen, etwas verblümteren, Artikel über diesen gegenstand
gesendet und zugleich einige Worte der Widerlegung gegen einen dummen
Artikel angehängt, welcher neulich in der Allgemeinen Zeitung erschien,
worin die stände Böhmens mit ungegründeten und schalen vorwürfen der
unwissenheit, unpraktischen sinnes, mangels an einfluß und Wurzel im
volke etc. angegriffen worden (leider nicht überall mit unrecht).1 das ist
wohl der Anfang eines Preßkrieges, der uns noch bevorsteht, und wobey wir
freylich censurscheren und regierungseinfluß gegen uns haben. doblhoff
und deym werden mir wahrscheinlich Antworten schicken.
Bergenthals Broschüre, schreibt mir deym, über die böhmische verfas-
sungsfrage soll nächstens erscheinen. Zugleich hat er mir ein langes opus
über den böhmischen landtag dieses Jahres zur ersten hälfte eingeschickt,
damit ich ihm mein urtheil darüber sage, es ist wie Alles, was er schreibt,
äußerst prolix, handelt de omnibus rebus et quibusdam aliis, übrigens habe
ich es erst durchgeblättert. die Bruchure „guther rath etc.“2 macht viel
mehr Aufsehen, als sie eigentlich verdient – tant mieux.
Am 29. erschien plötzlich eine Allerhöchste entschließung, worin der An-
kauf von industriepapieren durch den staat définitiv eingestellt, d.h. die
betreffende cassa aufgelöst wurde, also binnen 10 tagen 3mal das entge-
gengesetzte, e sempre bene. der staat hatte seit 19. 15 millionen kaufen
müssen und ein Anleihen von 20 millionen an der Bank gemacht! Wo soll
das hinführen? übrigens hatten die Börsejuden ihre Papiere losgeschlagen,
daher war die sensation dieser abermaligen verfügung nicht sehr groß, und
die Papiere stehen jetzt schon wieder ziemlich gut. das resultat der ganzen
sache ist, daß man den stockjobbers millionen in den rachen geworfen, aus
unseren taschen, und daß Ansehen und credit der regierung noch tiefer ge-
sunken sind. die italienischen vorgänge oder vielmehr der liberalismus des
Pabstes machen auf den gemeinen mann, der sich bisher fast nie mit Politik
1 Allgemeine Zeitung v. 30.9.1847, 2182f: Aus Böhmen (ein Blick auf die gegenwärtige lage
der stände in Böhmen). der anonyme Autor war Jan erazim (Johann erasmus) vocel, re-
dakteur der Zeitschrift des böhmischen Landesmuseums Časopis českého musea, 1848/49
mitglied des österreichischen reichstags und von 1850 bis zu seinem tod 1871 Professor
für böhmische Altertumskunde an der Prager universität. Andrians entgegnung darauf
erschien am 30.10.1847, 2423f.
2 die anonyme, von karl moering über Anregung Andrians verfasste und über dessen ver-
mitttlung bei Wilhelm Jurany gedruckte Broschüre guter rath für oesterreich. mit Bezug-
nahme auf das Programm der liberalen Partei in ungarn (leipzig 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien