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beschäftigte, einen gewaltigen eindruck, weil ihm zum ersten mahle reli-
gion und fortschritt im Bunde gezeigt werden. dazu wird trotz der guten
ernte das Brot immer theurer, und es ist ein herabgehen der Preise kaum
zu erwarten, indem die kartoffeln immer mehr verderben.
in ungarn dürfte die opposition wahrscheinlich an der ständetafel die
majorität oder doch gleichheit der stimmen haben.
es sind jetzt täglich hoffeste wegen der vermählung erzherzog ferdi-
nands von modena mit der erzherzogin elisabeth, bey welcher auch ich zu-
gegen war als loyaler kämmerling. valentin esterhazy ist jetzt hier, gestern
waren wir zusammen in dem neuen interimstheater im odeon.1 die 12 mäd-
chen in uniform, solchen mist hört und belacht man auch nirgends mehr als
hier, wann werde ich einmahl carl, scholz und nestroy hängen sehen?!
egbert Belcredi war hier, ich fürchte, der mann wird weniger zu brauchen
seyn als ich hoffte, solche unpraktische schwärmerische enthusiasten ma-
chen solche stabile dummköpfe, wie es seine landsleute sind, nur ängstlich,
statt sie mit sich fortzureißen.
moering ist wieder in voller Arbeit, neulich gab ich ihm stoff für einen
Aufsatz in die grenzboten über die letzten Börsengeschichten, zugleich la-
borirt er an einer hypertranscendentalen unverständlichen Broschüre über
österreichs nächste Aufgabe. ich komme mir manchmal vor wie eine filtrir-
maschine.
das Wetter ist nun schon seit 14 tagen scheußlich, beständiger regen,
kalt und neblicht. um den herbst sind wir, fürchte ich, betrogen.
[Wien] 15. oktober Abends
es ist schon beynahe Winter, nach dem infamen regenwetter haben wir nun
theils neblichte, theils schöne aber immer kalte tage. ich langweile mich
hier über die maßen, es ist noch niemand hier, ausgenommen einige herren
im casino, und ich muß aus verzweiflung beynahe täglich ins theater ge-
hen. Auch ginge ich gerne fort, wenn es die staatsgeschäfte erlaubten, über-
morgen will ich auf einige tage nach Würmla zu fünfkirchen, und [zu] Pepi
Althann nach Zwentendorf, doch muß ich am 20. oder 21. wieder hier seyn,
weil dann fritz deym kömmt, der nothwendig mit mir zu sprechen hat.
von seinem opus über die österreichischen ständebewegungen habe ich
nach seinem Wunsche den ersten Abschnitt an kolb zur einrückung in die
Allgemeine Zeitung gesendet, auch eine ergrimmte Antwort deym’s auf den
1 Während des neubaus seines eigenen theaters in der Praterstraße spielte die truppe von
carl carl von mai bis dezember 1847 im ebenfalls in der leopoldstadt gelegenen odeon,
dem damals größten tanzsaal Wiens. das odeon brannte während der straßenkämpfe am
28.10.1848 vollständig nieder und wurde nicht mehr aufgebaut.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien