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Tagebücher724
füllt, er sieht hierin den Anfang einer reaction zu gunsten der stände, einen
sieg, welchen die böhmischen stände über die feindseligen Ansichten der
regierung bereits erfochten hätten, und weiß gott was noch Alles, während
ich und mit mir doblhoff etc. gar nichts darin sehen als eine unausführ-
bare und im besten falle unnütze halbe maßregel.1 deym aber meinte, man
müsse jetzt in dieser uns so günstigen conjunctur die regierung zu Athem
kommen lassen, die möglichste versöhnlichkeit zeigen und daher durch we-
nigstens 6 monate gar nichts unternehmen, doch hoffe ich, daß die Äußerun-
gen, welche er hier von uns Allen vernommen, auf einen fruchtbaren Boden
gefallen seyn werden, wenn er es auch noch nicht eingestehen will.
dagegen legt er weit mehr Werth als ich auf Zeitungscorrespondenzen,
wie er überhaupt sehr productiver und also schreibseliger natur ist, so
möchte er alle Blätter mit Artikeln überschwemmen, wozu er dann auch hier
und in Prag die größten Anstalten getroffen hat. es mag wohl von Anfang
an bey ihm eine hauptidee gewesen seyn, mich zu diesem Zwecke zu benüt-
zen, jedoch gebe ich mich dazu nicht her, in meinen Absichten liegt es nicht,
der Publicist der stände [zu] werden, und meine hauptarbeit soll nicht mit
der feder sondern mit dem kopfe geschehen, ce qui n’émpêche pas, daß ich
zuweilen die feder zur hand nehme, was aber nur bey besondern Anlässen
geschehen darf, um das gewicht meiner Worte nicht zu schwächen. nur die
Allgemeine Zeitung, als das hauptorgan zu oesterreich zu sprechen, habe
und will ich mir vorbehalten.
meine idee der herausgabe ständischer Aktenstücke hat er sehr goutirt
und will material zur fortsetzung derselben liefern. Zugleich und unabhän-
gig davon soll ein ständisches Archiv zur veröffentlichung der interessan-
teren laufenden ständischen landtagsschriften, reden, verhandlungen etc.
erscheinen, während das obige unternehmen sich nur auf Akten der vergan-
genheit bezieht. Beydes haben wir hier besprochen und eingeleitet.
das résumé dessen, was nun in und für Böhmen geschehen soll, ist ganz
kurz: es soll im in- und Auslande soviel lärm als möglich geschlagen wer-
den, sie selbst aber wollen gar nichts thun, sondern sich bis zum nächsten
landtage unterwerfen. dann aber soll, was deym mir unter dem siegel
des tiefsten geheimniß vertraute, eine möglichst zahlreiche und Aufsehen
erregende Beschwerdedeputation nach Wien geschickt werden. und da-
von verspricht er sich ein resultat!! die leute leiden alle an dem übel des
Provincialismus: einem traditionellen und völlig grundlosen respekt und
schrecken vor der regierung, deren schwäche sie doch noch nicht so recht
glauben können als wir, die wir das in der nähe sehen.
1 Andrian veröffentlichte über die errichtung der Abteilung für ständische Angelegenheiten
einen Artikel in der Allgemeinen Zeitung v. 31.10.1847, 2432.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien