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November 1847
ben, obwol die Bitterkeit gegen die regierung namentlich bey den chefs, z.B.
louis Batthyány, auf das höchste gestiegen ist, in jedem falle aber prophe-
zeye ich Apponyi’s sturz und széchenyi als seinen nachfolger. eine eigent-
liche regierungsparthey gibt es nicht, außer den Beamten, und diese sind
royalistischer als der könig.
morgen geht der kaiser mit 5 erzherzogen nach Pressburg, übermorgen
ist dann die eröffnung und Palatinswahl, ich wollte mitgehen, habe aber
nun schon seit 4 tagen heftiges fieber, kopfweh und grippe, was zwar jetzt
schon besser ist, mich aber doch abhält mein vorhaben auszuführen, beson-
ders da das hauptmotiv meiner fahrt ein ernsthafteres war, und ich dieses
besser erfüllen zu können glaube, wenn ich erst nach dem lärmen und tu-
mult der ersten tage hingehe. einstweilen habe ich mischka esterhazy die
nöthigen materialien mitgegeben, damit er sie demjenigen Ablegaten, wel-
cher bey der Adresse débatte (denn eine solche soll vorkommen und dabey
der uns betreffende Punkt per extensum behandelt werden) unsere Ange-
legenheiten und speciell die böhmische steuergeschichte aufs tapet brin-
gen wird, einhändigen möge. Wegen dieser sache habe ich in diesen letzten
tagen besonders mit louis Batthyány und Pulszky conferirt, ersterer, nach
seiner gewohnheit serré und diplomatisch, sprach sich nicht bestimmt aus
und meinte, man müsse erst die stärke der Partheyen und den wahrschein-
lichen erfolg einer solchen motion kennen lernen etc. dagegen war Pulszky
(der mir als das organ der unteren tafel viel wichtiger ist) 2 stunden lange
bey mir, um über die Art und Weise etc. zu conferiren, was auf die eiteln
ungarn besonders zu wirken scheint, ist die in Aussicht gestellte abgeson-
derte veröffentlichung der debatte über diesen gegenstand in einer eigenen
deutschen Brochure. überhaupt gibt ihm dieser schritt erst eine eigentliche
europäische Bedeutung und eine politische Wichtigkeit, et je fait sonner cela.
Zugleich verlangte Pulszky meine Zustimmung, ein öffentliches sendschrei-
ben an mich richten zu dürfen, puncto der Allianz.
Am 31. ging deym fort, doch ziemlich herabgestimmt durch die allge-
meine mißbilligung, die er hier getroffen, vielleicht bleibt diese dann doch
nicht ganz ohne früchte, übrigens nichts neues aus Böhmen. Am letzten
tage lernte ich noch bey ihm den bekannten schwarzer, redakteur des
österreichischen lloyd, einen sehr gescheidten mann, kennen.
neulich an einem herrlichen novembertage fuhr ich mit Baron Piret nach
Baden hinaus und besuchte gabrielle, welche noch bis 16. oder 17. dort bleibt.
ein superbes Buch, welches ich jetzt, freylich nur stückweise, gelesen
habe, ist gfrörers geschichte gustav Adolphs,1 schön in tendenz, Anord-
nung und Ausführung.
1 August friedrich gfrörer, gustav Adolph könig von schweden und seine Zeit (stuttgart 1837).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien