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Tagebücher738
vermehren. ich verabredete mit kalchberg und frank das nöthige wegen
der fortsetzung der herausgabe der ständischen Aktenstücke auch in Be-
zug auf steyermark sowie auch rücksichtlich der periodischen mittheilun-
gen an mich und durch mich über Alles, was in steyermark politisch und
anderswie interessantes vorfällt. von da ging ich mit frank zu Anastasius
grün, wo wir mehrere menschen trafen, darunter ein graf gleisbach, ein
sehr thätiges ständemitglied. Abends lud uns carl mandell zum thee. da
wurde dann natürlich wieder politisirt. Am 3. haben sie wieder landtag we-
gen der salzburg-Brucker eisenbahn.1 Baron königsbrunn will da einen An-
trag auf freygebung der Presse für innere Angelegenheiten stellen und sich
dabey auf die jüngste bayerische verordnung in diesem sinne berufen. ich
proponirte dagegen diese Beziehung wegzulassen, sondern sich auf die dem
fürsten lamberg ertheilte rüge und zugleich auf die so eben in Presburg
stattgehabten verhandlungen, wo selbst die regierung die censur quasi fal-
len ließ, zu berufen. übrigens dürfte königsbrunn vielen Widerstand finden.
ich brachte dann die böhmische sache aufs tapet und verlangte, daß die
steyerer sie berühren sollten, darüber entspann sich eine lebhafte discus-
sion. man ist in gratz in der politischen Bildung noch nicht so weit und sagt
noch immer bey allem, was eine andere Provinz betrifft: das geht uns nichts
an, das dürfen wir nicht berühren. selbst kalchberg, unstreitig die größte, ja
die einzige größere capacität, war gegen mich, freylich nur weil er meinte,
daß ein solcher Antrag die mehrheit nicht erlangen würde. Auersperg, wel-
cher lebhaften Antheil nahm, ist dichter und kein Politiker. gleisbach ist
ein gerader rechtlicher mann, der gut spricht, aber ohne höhere politische
ideen, und dürfte ebendeßhalb den größten einfluß bey den ständen haben.
unter solchen umständen wird wohl auch schmerlings mission nach
grätz fiasco machen, die niederösterreichischen stände praepariren nämlich
für ihre nächste versammlung im februar (dieselbe, wo ich aufgenommen
zu werden hoffe, indem ich noch in den letzten stunden meines Aufenthalts
in Wien Alles dießfalls in ordnung gebracht habe, ich habe nämlich zum
scheine einen Antheil der herrschaft Würmla von fünfkirchen acquirirt)
eine Art von politischem Programm, wie ich es schon im vorigen Jahr in An-
regung brachte, wünschen aber den Beytritt anderer Provinzen, zu welchem
Zwecke doblhoff nach Prag, schmerling nach grätz gehen werden. doch ließ
ich davon natürlich in grätz noch nichts verlauten.
dessenungeachtet glaube ich, daß meine Anwesenheit gutes gestiftet hat.
Am 27. früh 7 uhr fuhr ich weiter in einem beständigen schneegestöber,
1 eine direkte Bahnverbindung von deutschland an die Adria durch die Anbindung des bay-
erischen netzes an die geplante strecke Wien-triest über salzburg mit dem knotenpunkt
Bruck a.d. mur.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien