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Dezember 1847
welches so stark wurde, daß wir in Pöltschach 2 stunden stecken blieben
und statt um 12, um 4 uhr in cilly ankamen. um 1/2 6 fuhren wir im eil-
wagen weiter, auf straßen, die durch den immer zunehmenden schneefall
ganz unsichtbar gemacht waren, so daß es wirklich ein glück ist, daß uns
kein unfall passirte. um 4 waren wir in laibach, gegen morgen wurde es
zwar insofern besser, als man doch den Weg einigermaßen unterscheiden
konnte, schneyte aber immer heftig fort. in Planina kam ein neues hinder-
niß dazu, das ärgste von Allem, nämlich die Bora, welche bey Adelsberg so
heftig wurde, daß ernstlich die rede davon war, ob wir weiter fahren könn-
ten oder nicht? doch fuhren wir fort: mit vorspann, schneeausschauflern
und leuten, die den Wagen hielten. so kamen wir mit mühe nach Prewald.
von da an aber bis sessana war es wirklich furchtbar, besonders da es schon
finster geworden war, wir kamen einmal vom Wege ab, und ich befürchtete
jeden Augenblick, daß der Wind den Wagen umstürzen werde. dabey wehte
der schnee von allen seiten in den geschlossenen Wagen hinein. von da an
aber war Alles beseitiget, kaum noch etwas schnee zu sehen, und so kamen
wir, froh unsere haut gerettet zu haben, Abends 10 uhr in triest an, wo ich
bey metternich1 abstieg.
tags darauf 9 uhr bestellte ich spangher zu mir, und der ganze tag ver-
strich unter geschäften bey Advocaten, beym gerichte wegen legalisation
etc., das resultat war, daß ich ihm Papariano um 36.000 fl verkauft habe,
unter den jetzigen verhältnissen erträglich. Abends war ich im theater,
wo ich Pepi desimon und feri giulay besuchte, um 11 uhr begleitete mich
spangher auf das dampfschiff mittrowsky, wo ich gesund schlief und ohne
eine spur von seekrankheit gestern um 7 uhr früh hier ankam und im hôtel
d’italie abstieg.
gestern habe ich schon eine menge leute gesehen: Palfy, fml Zichy,
Wardle, spangen, hohenlohe, Andro venier, crivelli, mit welchem ich ohne
es zu wissen hieher gereist war, marco Priuli, marmont, Bombelles etc.
meine geschichte ist hier Allen ebenso bekannt wie sie es überall ist, und Je-
der spricht mir in diesem sinne, ich aß bey siga Zichy en tête-à-tête mit ihm
und valérie, ging nach tische zu gräfinn nani esterhazy, dann zu thurn
(resi ist so hübsch wie immer, der Papa so dumm wie immer, und Alle emp-
fingen mich sehr freundlich), dann zu Palffy, den ich bey seiner Parthie re-
lancirte, und endlich in die fenice.
Alles spricht hier von Politik, und in ein paar Jahren wird das sonst so
gemüthliche venedig ebenso anti-österreichisch seyn als mailand, es zeigen
sich schon starke Anfänge besonders unter den damen und jüngeren leu-
ten, es regnet anonyme Briefe, und jede politische Anspielung im theater
1 das hotel metternich in triest.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien