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163Schwierigkeiten
in der Praxis
der Kriegswirtschaft grundsätzlich reserviert gegenüber. Für sie hatte eine dauerhafte
Unterbringung Vorrang vor einer nur vorübergehenden. Hier wird offenbar, dass sich
der Konflikt zwischen Militär und Zivilverwaltung auch auf die Arbeitsvermittlung
erstreckte. Die Armee hätte Posten im eigenen Wirkungskreis – in militärischen Be-
trieben oder in Betrieben, die gemäß Kriegsleistungsgesetz33 unter militärischer Ver-
waltung standen
– gerne mit Kriegsbeschädigten besetzt, um gesunde Männer für den
Einsatz an der Front frei zu bekommen. Die zivilen Behörden hingegen hatten schon
die Demobilisierung im Auge und wollten Kriegsbeschädigte auf solchen Stellen un-
terbringen, von denen anzunehmen war, dass es sie auch nach Kriegsende noch geben
würde. Kriegsbeschädigte sollten schon mit Arbeitsplätzen versorgt sein, wenn die
große Masse der demobilisierten Soldaten auf den Arbeitsmarkt strömte, und nicht
etwa als entlassene Arbeiter eines dann nicht mehr benötigten Rüstungsbetriebs selbst
auf Arbeitssuche sein. In der Konkurrenz mit den gesunden Heimkehrern würden sie
–
so sah man voraus – den Kürzeren ziehen.
Eine Umfrage des Ministeriums für soziale Fürsorge unter den Arbeitsvermitt-
lungsstellen für Kriegsbeschädigte ergab im Jänner 1918, dass in der Praxis die An-
stellung von bereits superarbitrierten Kriegsbeschädigten beim Militär tatsächlich von
eher untergeordneter Bedeutung war.34 Die Büros vermieden die Vermittlung der bei
ihnen vorsprechenden Männer auf die als nicht dauerhaft eingestuften militärischen
Arbeitsplätze, und auch der Großteil der Kriegsbeschädigten hatte
– wie etwa aus Salz-
burg gemeldet wurde – „keine besondere Vorliebe für solche Anstellungen“.35 Unter
den insgesamt 18.772 in den militärischen Waffen- und Munitionsbetrieben beschäf-
tigten Kriegsbeschädigten der österreichischen Reichshälfte waren nur knapp 20 %
über den Weg der freien Arbeitsvermittlung angeworben worden.36 Für Dienststellen
direkt bei der kämpfenden Truppe fanden sich – trotz der attraktiven Bedingungen,
die diese Posten etwa hinsichtlich der Verpflegung boten – unter den Kriegsbeschä-
digten überhaupt keine Bewerber ;37 an den Ort der Gefahr wollten sie offenbar auf
keinen Fall zurückkehren. Das Sozialministerium stand in dieser Beziehung – wenn
auch aus anderen Gründen – ganz hinter den Kriegsbeschädigten. Als das Kriegsmi-
33 RGBl 1912/236.
34 Erlass des MfsF v. 24.1.1918 ; AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1358, 5453/1918 ; im selben Karton auch
3974/1918 ; 4053/1918 ; 4318/1918 ; 4630/1918.
35 Ebd., Kt. 1358, 5453/1918.
36 Die übrigen Kriegsbeschädigte waren als frontdienstuntauglich, aber berufsfähig eingestuft worden :
Noch nicht aus dem Militärverband entlassen, konnten sie einfach in die Waffenbetriebe abkomman-
diert werden ; ebd., Kt. 1361, 15364/1918.
37 Das Kriegsministerium propagierte diese Stellen, musste sich jedoch vom Sozialministerium mitteilen
lassen, dass sich Kriegsbeschädigte für Stellen im Feld nicht bewarben ; ebd., Kt. 1361, 13599/1918.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918