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176 Die Verwaltung : Schwachpunkt der sozialen Kriegsbeschädigtenfürsorge
rien zusammen. Die Teilnehmer der Unterredung zogen Bilanz über die bisherige Ar-
beit der Landeskommissionen, tauschten Erfahrungen aus und besprachen mögliche
Schwierigkeiten der Kriegsbeschädigtenfürsorge nach der Demobilisierung. Konkrete
Ergebnisse gab es keine, doch zeigten die verschiedenen Wortmeldungen die Prob-
leme deutlich auf. Während der Innenminister in seinem Einleitungsvortrag noch be-
tonte, dass es den Landeskommissionen gelungen sei, „aus dem Nichts eine vollendete
Sozialeinrichtung zu schaffen“, dass „volle Arbeit geleistet“ worden sei und „Öster-
reich auf diesem Gebiete führend und beispielgebend vorangegangen“ sei,20 vermit-
teln die nachfolgenden Berichte und Beiträge ein äußerst durchwachsenes Bild und
geben sich deutlich weniger euphorisch. Positiv vermerkt wurde lediglich, dass sich die
Landeskommissionen mittlerweile tatsächlich zu Zentren der Kriegsbeschädigtenfür-
sorge entwickelt hatten und – wie Rudolf Graf Attems, Administrativer Referent der
oberösterreichischen Landeskommission, feststellte – von den karitativen Vereinen
als logische koordinierende Organisationen für alle Bestrebungen auf diesem Sektor
wahrgenommen wurden. Auch Aspekte, die nicht unmittelbar in den 1915 definierten
Aufgabenbereich der Landeskommissionen fielen, wie beispielsweise die Förderung
von Kriegerheimstätten oder Kriegsinvalidenerwerbsgenossenschaften, würden inzwi-
schen an die Landeskommissionen herangetragen.21
Doch abseits dieser positiven Worte gab es fundamentale Kritik, und diese kam vor
allem aus Böhmen. Dort hatte Hauptmann Karl Eger, der Invalidenfürsorgereferent
des Militärkommandos Leitmeritz22 und ehemalige Volksschullehrer,23 im Bereich
seines Militärkommandos eine offenbar relativ gut funktionierende Verwaltungsstruk-
tur mit Ortsstellen und einer äußerst effizienten Evidenzführung ins Leben gerufen.24
Eger arbeitete eng mit dem bei der Sitzung ebenfalls anwesenden Robert Marschner25
zusammen, der als Direktor der Arbeiterunfallversicherungsanstalt für das Königreich
Böhmen zugleich Büroleiter der Staatlichen Landeszentrale für das Königreich Böh-
cher Vorsitzender der oberösterreichischen Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger ;
ebd., Kt. 1363, 24699/1918, Jahresbericht 1917 oö. Landeskommission, S. 3.
20 Alle Zitate : K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien
1917, S. 262.
21 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 263.
22 „Referent für Kriegsbeschädigtenfürsorge beim k. u. k. Militärkommando Leitmeritz“. Leitmeritz,
tschech. Litoměřice.
23 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1356, 1808/1918.
24 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen über Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Wien 1916, S. 166–
169.
25 Robert Marschner (*4.7.1865, †8.9.1934), Jurist, 1909–1919 leitender Direktor der AUVA in Prag, war
Organisator der Kriegsbeschädigtenfürsorge in Böhmen ; Österreichisches biographisches Lexikon,
Bd. 6, Wien 1974, S. 111.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918