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210 Die Organisierung der Kriegsbeschädigten
Krieges entstanden und stieß mit seiner explizit politischen Ausrichtung von Anfang
an auf die Gegenwehr konservativer Kreise ; er war dem politischen Kalkül der deut-
schen sozialdemokratischen Partei entsprungen, die heimkehrende Soldaten nicht
den konservativen Veteranenvereinen überlassen wollte.88 Dergleichen Überlegungen
hatte es – soweit sich dies aus den überlieferten Quellen rekonstruieren lässt – in
Österreich nicht gegeben, wenngleich die Sozialdemokratie ihre Sympathie für den
Zentralverband von Anfang an offen artikulierte.89 Besonders in den Bundesländern
waren jedoch auch politische Vertreter anderer Parteien in die Organisationsgründung
eingebunden.90
Die Entstehung des österreichischen Zentralverbandes weist auch kaum Paralle-
len zur Mobilisierung etwa der französischen Kriegsbeschädigten auf, die ebenfalls
schon lang vor Kriegsende einsetzte, aber ihren Ausgang von den privaten Wohlfahrts-
verbänden nahm und relativ spontan verlief, was in Frankreich – im Unterschied zu
Deutschland
– eine Organisierung der Kriegsbeschädigten außerhalb der bestehenden
Parteienlandschaft begünstigte.91
Die Gründung des Zentralverbandes war mit den beiden aus Deutschland und
Frankreich bekannten Modellen nicht vergleichbar, weil der Zentralverband weder aus
ausschließlich spontanen und lokalen Zusammenschlüssen von Betroffenen noch aus
explizit parteistrategischen Überlegungen heraus entstanden war. Eine Gruppe von
Männern hatte seine Gründung zwar in die Hand genommen, doch waren dieser In-
itiative ganz offenbar keine langwierigen Planungen vorangegangen. Der Zentralver-
band war vielmehr ein Kind seiner Zeit. Der Zusammenbruch staatlicher Strukturen,
die neue, unter sozialdemokratischer Beteiligung aufgestellte Regierung, die revolu-
tionäre Nachkriegssituation, in der viele Gruppierungen ihr Selbstbestimmungsrecht
verwirklicht sehen wollten, die Demobilisierung der Armee und das Interesse des
Staates an einem starken Verhandlungspartner, das sich von Anfang an auch in einer
staatlichen Subventionierung des jungen Verbandes ausdrückte
– das alles schuf ideale
und während des Krieges noch nicht herrschende Bedingungen für die Entstehung
eines zentralen Kriegsbeschädigtenverbandes. Das Kriegsende führt dazu, dass – wie
88 Siehe vor allem Diehl, Organization.
89 Otto Glöckel über den Zentralverband : „Wir wollen, dass diese Organisation in der gleichen Form aus-
gebaut wird, wie die Fachorganisation. Wir Sozialdemokraten werden mit allen Mitteln an ihrer Seite
stehen“ ; Der Invalide, Nr. 4 v. 15.2.1919, S. 7.
90 An der Vollversammlung des Vereines der Kriegsinvaliden Deutsch-Tirols nahmen neben sozialdemokra-
tischen auch christlichsoziale Politiker teil ; ebd., Nr. 7 v. 1.4.1919, S. 5.
91 Michael Geyer, Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopferversorgung in Frankreich, Deutsch-
land und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg, in : Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für
Historische Sozialwissenschaft, 9 (1983) 2, S. 230–277, hier S. 264–271. Siehe dazu auch Prost, In the
Wake, S. 28f und S. 34.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918