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und Einigungsversuche : 1919–1920
genannt ; die neu eröffnete Rubrik „Gerichtssaal“40 informierte über den Fortgang
der Prozesse ; und vereinzelt tauchten antisemitisch gefärbte Diffamierungen der
Gegenseite auf – wie etwa dort, wo von Hollitscher als „land- und blutsfremde[m]
Menschen“41 gesprochen wurde. Freilich blieben diese Töne im Invaliden so unbe-
deutend, dass sie – gemessen an dem teilweise äußerst extrem vorgetragenen Anti-
semitismus der zeitgenössischen Presse – praktisch untergingen. Insbesondere von
der christlichsozialen Kriegsbeschädigtenzeitung Neues Leben, die seit August 1919
erschien42 und eine radikal antisemitische Diktion pflegte, unterschied sich der In-
valide in diesem Punkt deutlich.
An der Jahreswende von 1919 auf 1920 unternahm der Zentralverband einen neuen
Anlauf, um die Streitigkeiten in Wien zu beenden, und nun konnte tatsächlich eine
halbwegs tragfähige Vereinbarung zwischen den drei rivalisierenden Gruppierungen
Zentralverband, Zentralrat und Sozialwirtschaftlichem Reichsbund erzielt werden. Die
Funktionäre der verfeindeten Vereine fanden nach Überbrückung der gröbsten Dif-
ferenzen schließlich zueinander. Ihnen war klar geworden, dass Wien gegenüber den
Ländern mit einer Stimme auftreten musste, und es erschien ihnen zunehmend ab-
surd, „Feind neben Feind am grünen Tisch des Staatsamtes sitzen zu müssen und für
gleiche Interessen einig das selbe zu verlangen.“43 Am 10. Jänner 1920 wurde in einer
von etwa 1.000 Wiener Kriegsbeschädigten besuchten, stürmisch verlaufenden Ver-
sammlung ein Einigungsprotokoll ratifiziert,44 das die Verschmelzung der drei Grup-
pen in einen gemeinsamen Wiener Kreis- bzw. Landes-Verband des Zentralverbandes
und die Auflösung von Reichsbund und Zentralrat bis Ende März 1920 vorsah.45 Der
Zentralverband hatte sich erfolgreich als „Verband der Verbände“46 positioniert. Der
ausgeklügelte Plan wurde jedoch nur zum Teil umgesetzt. Zwar war bis Ende März
der Reichsverband (also die Dachorganisation von Reichsbund und Zentralrat) aufgelöst
und auch der Sozialwirtschaftliche Reichsbund wie geplant im Wiener Landesverband
des Zentralverbandes aufgegangen.47 Der Zentralrat aber weigerte sich, seine Selbst-
40 Ebd., Nr. 15 v. 1.8.1919, S. 6.
41 Julian Berger, Die Einigungsverhandlungen, in : Der Invalide, Sonderausgabe v. August 1919, S.
1–5, hier
S. 5.
42 Bis August 1919 unter der Bezeichnung Soldat und Volk.
43 „Die Einigung der Wiener Invalidenschaft“, in : Der Invalide, Nr. 2. v. 15.1.1920, S. 2f, hier S. 2.
44 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 46, 1429/1920, Ratifizierungs-Protokoll. Beschlüsse.
45 Zur organisatorischen Abwicklung dieses Prozesses wurde ein eigenes Komitee installiert. Der von
Reichsbund und Zentralrat gemeinsam gebildete Reichsverband sollte vorerst bestehen bleiben, damit er
im Falle des Scheiterns der Vereinigung reaktiviert werden konnte.
46 Der Invalide, Nr. 4 v. 16.2.1920, S. 2.
47 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1569, Sa 132, 32839/1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918