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273Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
beschränkte sich aber anfangs im Wesentlichen darauf, Missstände innerhalb des Zen-
tralverbandes aufzugreifen, den führenden Vertretern dieses Verbandes Verstrickung in
alle erdenklichen Ungesetzlichkeiten vorzuwerfen und dabei ausgiebig antisemitische
Klischees zu bedienen („Darum christliche deutsche Invalide und Witwen, ob Bauer
oder Städter : Heraus aus der jüdischen roten Organisation und hinein in den Verband
christlicher Invalider, Kriegerwitwen und -waisen !“85). Der diffuse Antisemitismus des
Verbandes erhielt ein konkretes Feindbild, als Mitte 1920 mit Maximilian Brandeisz,
der bald zur wichtigsten Figur des Zentralverbandes aufsteigen sollte, ein Funktionär
jüdischer Herkunft die Leitung des Wiener Landesverbandes übernahm.86 Das Ver-
hältnis zwischen dem Zentralverband und dem
– anfangs größenmäßig unbedeutend87
und daher auch noch einflusslos bleibenden – christlichsozialen Verein war von An-
fang an schlecht ; anders als mit Zentralrat und Sozialwirtschaftlichem Reichsbund gab
es mit diesem Verein überhaupt keine Gesprächsbasis. In Einigungsverhandlungen
war er nie eingebunden. Eine seiner ersten Versammlungen (im Wiener Außenbezirk
Hernals) wurde von aufgebrachten Anhängern des Zentralverbandes gestört ; sie hat-
ten auf der Straße vor dem Versammlungsraum eine Gegenveranstaltung organisiert
und konnten „nur mit größter Mühe von Tätlichkeiten zurück[ge]halten werden“.88
Handgreiflichkeiten von linker Seite begleiteten den Verein auch, als er sich im April
1921 in Reichsverband christlicher Kriegsinvalider, Kriegerwitwen, -waisen und Heimkeh-
rer Österreichs in Wien umbenannte : 300 Personen belagerten etwa das Gründungsfest
Kriegsbeschädigte beschränkte – Verband setzte sich nie so richtig vom alten – die Heimkehrer mit
einschließenden – Verein ab ; das spiegelt sich auch in der sehr uneinheitlichen Bezeichnung der bei-
den an derselben Adresse residierenden und parallel bestehenden Organisationen ; im November 1919
veranstalteten sie beispielsweise gemeinsam eine Gedächtnismesse zu Ehren der Gefallenen, dabei wur-
den die Heimkehrer aus der Bezeichnung des Kriegsbeschädigtenverbandes weggelassen ; ebd., Nr. 26 v.
1.11.1919, S.
6. Das war an und für sich korrekt, denn obwohl sich der Verein in der Verbandszeitung im-
mer Verband christlicher Heimkehrer, Kriegsinvalider, Kriegerwitwen und -waisen Deutschösterreichs nannte,
hieß er in den Statuten Verband christlicher Kriegsinvalider, Kriegerwitwen und Waisen Deutsch-Österreichs ;
AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1559, Sa 44, 24027/1919. Im April 1921 nahm der Verein die Heim-
kehrer wieder offiziell in den Titel auf : Er wurde in Reichsverband christlicher Kriegsinvalider, Kriegerwit-
wen, -waisen und Heimkehrer Österreichs in Wien umbenannt ; ebd., Kt. 1559, Sa 44, 12882/1921. Ab 1924
hieß der Verein Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB,
VIII 2864 (Reichsbund der Kriegsopfer Österreichs), Aktenübersicht.
85 Neues Leben, Nr. 28 v. 1.12.1919, S. 2.
86 Zu Brandeisz vgl. Kapitel 13.1.3.1.
87 Wie wiederholte Aufrufe in der Zeitung belegen, zog sich die Gründung von Ortsgruppen des christ-
lichsozialen Verbandes in die Länge ; z. B. Neues Leben, Nr. 25 v. 15.10.1919, S. 5.
88 Die Versammlung in Hernals fand am 7.9.1919 statt ; „Mißglückter Versuch einer christlich-sozialen
Ortsgruppengründung Kriegsbeschädigter“, in : Der Invalide, Nr. 18 v. 15.9.1919, S. 6 ; vgl. auch Neues
Leben, Nr. 24 v. 1.10.1919, S. 6f.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918