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281Spaltungen
und Einigungsversuche : 1919–1920
9.1.2.2 Die „Intellektuellen“
Nicht ihre im Krieg erlittene Beschädigung, sondern ihr gesellschaftlicher Status ver-
einte eine andere Gruppe von Kriegsbeschädigten : Der im Herbst 1919 gegründete
Verband kriegsbeschädigter Intellektueller126 war vor allem eine Standesvertretung ehe-
maliger Berufs- und Reserveoffiziere. Laut Statuten stand er zwar jedem Kriegsbe-
schädigten offen, „welcher sich als Intellektueller fühlt“,127 womit alle „Kriegsopfer der
Intelligenz- und Mittelstandskreise“128 gemeint waren, in der Praxis bildeten jedoch
gehobene Berufsmilitärs den Großteil der Mitglieder und auch in der 1924 geschaf-
fenen selbstständigen Hinterbliebenenvereinigung der Organisation überwogen die
Offizierswitwen.129 Die Funktionäre des Vereins entstammten ebenfalls durchwegs der
Offiziersklasse.130 Erster Obmann war der bei Kriegsende 66-jährige Feldmarschall-
leutnant d. R. Wilhelm Raft ;131 ihm folgten von 1924 bis 1934 der um 26 Jahre jün-
gere Oberstleutnant d. R. Josef Kramer132 und dann noch für kurze Zeit Alois Czulik,
Generalmajor d. R.;133 als langjährige Obfrau der Hinterbliebenenvereinigung am-
tierte die Oberstwitwe Emilie Rona.134 Wichtig war auch der Ehrenpräsident des Ver-
126 Im November 1920 Namensabänderung in Reichsverband kriegsbeschädigter Intellektueller Öster-
reichs, Witwen und Waisen nach solchen, im Mai 1927 in Reichsverband kriegsbeschädigter Intel-
lektueller Österreichs und Vereinigung der Hinterbliebenen ; AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion
Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegsbeschädigten Intellektuellen Österreichs).
127 Ebd., Satzungen 1928 ; ordentliche Mitglieder konnten nur Personen werden, die als Kriegsbeschädigte
oder Hinterbliebene im Sinne des IEG anerkannt waren.
128 „XII. ordentliche Vollversammlung (Verbandstag) am 24. März 1930“, in : Nachrichten Reichsverband,
Folge 16 v. 5.7.1930, S. 1f, hier S. 2
129 „Zur zehnten Jahreswende der Gründung unseres Verbandes“, in : ebd., Nr. 14 v. 16.11.1929, S. 1f.
130 AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegsbeschädigten
Intellektuellen Österreichs). Vereinsadressen in chronologischer Reihenfolge : Wien I, Stephansplatz 3 ;
Wien VII, Stiftskaserne ; Wien VI, Gumpendorferstraße 1 ; Wien VI, Getreidemarkt 9.
131 Wilhelm Raft (*1852 Siebenbürgen, †1933 Mauer bei Wien), 1911 in den Ruhestand versetzt, wurde
bei Kriegsbeginn wieder aktiviert. Schon im ersten Kriegsjahr geriet er – „unverwundet, jedoch in
schwerkrankem Zustande“ – in russische Kriegsgefangenschaft und kam 1916 als Austauschinvalider
frei ; AT-OeStA/KA Pers Quall, Wilhelm Raft.
132 Josef Kramer (*5.5.1878 Franzensfeste/Tirol) trat 1898 aus der Kadettenschule in das Heer ein ; AT-
OeStA/KA Pers Quall, Josef Kramer (früher : Kramar).
133 Alois Czulik (*3.10.1868 Leipnik in Mähren) trat am 10.10.1885 in das Heer ein. Er wurde im Krieg
1914 das erste Mal verwundet, dann superarbitriert, aber schon 1916 wieder in den Präsenzstand ver-
setzt und erlitt nur drei Monate danach eine neuerliche Schussfraktur. Die letzten Kriegsjahre ver-
bracht er als Leiter eines Übernahmekommandos für Austauschinvalide und Delegierter des Roten
Kreuzes ; AT-OeStA/KA Pers Quall, Alois Czulik.
134 AT-OeStA/AdR BKA BKA-I BPDion Wien VB, VIII 2910 (Reichsverband der kriegsbeschädigten
Intellektuellen Österreichs), Wahlanzeigen.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918