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298 Die Invalidenbewegung
eine Abteilung für Hausindustrie und Kunstkeramik – geteilt.215 Noch im selben Jahr
wurde auch die Anstaltskirche abgetragen und ein Stück weiter stadteinwärts in der
Quellenstraße als Notkirche wieder aufgebaut.216
Genossenschaften für Kriegsbeschädigte waren zwar schon während des Krieges
geschaffen worden – in Österreich gab es vor 1918 beispielsweise die Kriegsinvali-
den-Erwerbsgenossenschaft in Salzburg und ein von der Gesellschaft für Kriegsinvalide
ins Leben gerufenes Pendant in Wien217 –, doch waren das immer Gründungen von
Fürsorgevereinen gewesen. Nach dem Krieg ging die Initiative dann von den Kriegs-
beschädigtenvereinen aus, die hofften, ihrer Klientel auf diese Weise Erwerbsmöglich-
keiten zu eröffnen.218 Dabei wurden interessanterweise exakt jene Argumente wieder
hervorgeholt, mit denen schon im Krieg für Schulung und berufliche Rehabilitation
Stimmung gemacht worden war. Die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft der Kärnt-
ner Kriegsopfer „Wulfenia“, der nach dem Wiener Modell die Klagenfurter Invaliden-
schulen übertragen werden sollten, brachte es auf den Punkt :
„Wir haben in der Genossenschaft den Wahlspruch des großen Carlyle219 uns zu eigen ge-
macht : Arbeiten und nicht verzweifeln […]. Durch Almosen allein wird kein Elend in Glück
verkehrt, das Bewusstsein restloser Pflichterfüllung im Geiste der Arbeit allein bringt uns
wieder auf den Damm, dies sind Binsenwahrheiten“.220
Waren solche Aussagen während des Krieges – da sie von jenen kamen, die sich in der
Kriegsbeschädigtenfürsorge engagierten, aber nicht selbst kriegsbeschädigt waren – in
erster Linie Rechtfertigung (etwa der zwangsweisen Schulung) oder Abwehr (etwa des
Anspruchs von Kriegsbeschädigten auf Vollversorgung durch den Staat), so änderte
215 Ebd., Kt. 1403, 19472/1922, Vorakt 1333/1922. Bei der Gelegenheit wurde ein Personalstand von 45
Personen festgesetzt ; ebd., Akt v. 26.7.1922.
216 Lang, Schleierbaracken, S. 32–36. Adresse : Wien X, Quellenstraße 197.
217 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1364, 13/1918 und vor allem ebd., Kt. 1361, 12960/1918.
218 Beispiele sind in Tabelle 9 im Anhang aufgelistet.
219 „Arbeiten und nicht verzweifeln“ – so der schottische Historiker und Schriftsteller Thomas Carlyle in
seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Edinburgh am 2.4.1866 ; http://de.wikiquote.org/wiki/
Arbeit (Abfrage : 29.9.2011).
220 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1567, Sa 124,Vorakt 26236/1920 ; durch die Umwandlung der Wie-
ner Invalidenschulen in eine Genossenschaft solle „eine Stätte gewerblichen Fleisses“ geschaffen wer-
den, die „einer bedeutenden Anzahl der schwerstbetroffenen Opfer des Weltkrieges das Odium beneh-
men wird, Parasiten am Leibe der Gesellschaft zu sein, und den Beweis zu erbringen in der Lage sein
muss, dass auch Kriegsbeschädigte im Stande sein werden, sich und ihren Familien den Lebensunter-
halt durch produktive Arbeit zu beschaffen und so auf eigene Füsse gestellt zu werden, ohne dauernd
lästige Kostgänger bei der Allgemeinheit bleiben zu müssen“ ; ebd., Kt. 1403, 19472/1922, Deutsch-
österreichische Invalidenschulen an BMfsV v. 4.1.1921.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918