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300 Die Invalidenbewegung
wurde, soll nun zur Wohnstätte für unsere Invaliden, zur Erholungs- u. Arbeitsstätte zugleich
u. zwar für das ganze Jahr werden. Aus dem ehemaligen Lustschloss soll ein Genesungsheim
für jene werden die für Kaiser u. Reich gekämpft u. geblutet haben u. zu Krüppeln wurden.
Ueber den Verlust ihrer Gliedmassen vermag sie auch der Aufenthalt in Laxenbu[r]g nicht
hinweg zu täuschen, aber an Leib u. Seele sollen sie wieder gesunden, soweit ihr Krüppeltum
es eben zulässt. Die schrecklichen Eindrücke des über 4 Jahre in gezwungener Weise geübten
blutigen Handwerkes sollen durch Arbeit verscheucht u. die im Traume wiederkehrenden
Reflexe überstandener Qualen durch geistige Anregung gebannt werden. Und Laxenburg ist
geeignet diesem Zwecke dienlich gemacht zu werden.“226
Doch war es das wirklich ? Konnte ein Schloss, dessen Betrieb bis dahin den Bedürfnis-
sen einer Herrscherfamilie genügte, so einfach in ein modernes Unternehmen umge-
wandelt werden ? Waren die finanziellen Mittel vorhanden und die organisatorischen
Kapazitäten gegeben ? Bestand auf staatlicher Seite der Wille und waren die Kriegsbe-
schädigten in der Lage, ein solches Projekt umzusetzen ? Zunächst sah es tatsächlich
so aus, als könnte das Experiment gelingen, doch der Verlauf der Verhandlungen und
Aktionen, der anfangs durchaus eine gewisse Dynamik gehabt hatte, wurde immer zä-
her, die Zahl der beteiligten Akteure, die Widerstände, die objektiven Hindernisse und
nicht umgesetzten Beschlüsse immer größer, und am Ende scheiterten die hochflie-
genden Pläne. Die Geschichte von Laxenburg ist auch ein Paradebeispiel für die sich
wandelnden Interaktionsformen zwischen Staatsstellen, Zentralverband und Kriegs-
beschädigten in den ersten Nachkriegsjahren. Es kommt deutlich ans Licht, wo die
Hoffnungen der Invaliden lagen, wie sehr sie von der Rechtmäßigkeit ihrer Forderung
nach Übergabe des dynastischen Besitzes überzeugt waren, wie schmerzhaft sie die
Einwände der Staatsbürokratie als Hinhaltung erlebten und wie sie dann – zermürbt
durch langjähriges Warten – letztlich doch aufgaben.
9.2.2.1 Große Pläne und Besetzung
Schon zwei Wochen, nachdem der Zentralverband seine Forderung erstmals formu-
liert hatte, begannen Verhandlungen, die sich anfangs nicht nur mit der Widmung des
Schlosses Laxenburg, sondern auch mit der Verwendung der im Wiener Stadtgebiet
gelegenen Schlösser Schönbrunn und Hetzendorf sowie der Hermesvilla im Lainzer
Tiergarten beschäftigten. Während für das Schloss Hetzendorf schon seit Längerem
Pläne auf dem Tisch lagen – es sollte dem orthopädischen Spital in Wien unterstellt
226 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1554, Sa 29, II. Teil, 29952/1919, Skizze zu einem projektierten
Garten-Restaurations-Gebäude.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918