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321Resümee
– Die Waffe hat einen Namen : Organisation
9.4 Resümee – Die Waffe hat einen Namen : Organisation
Wenn man die ersten Jahre der Invalidenbewegung überblickt, so fällt die Parallelität
verschiedenster Prozesse auf : Neben vielfachen Akten der Selbstermächtigung, der
Gruppenbildung und der aktiven Organisationsbemühungen gab es leidenschaftliche
Diskussionen bei Delegiertentagen, Abspaltungen ganzer Fraktionen, Besetzungen
und lautstarke Proteste auf der Straße. Die Funktionäre des Zentralverbandes – in
Verhandlungen mit dem Staatsamt für soziale Fürsorge und dem späteren Bundesmi-
nisterium für soziale Verwaltung begriffen, an Gesetzesparagrafen feilend, mit inter-
nen Konflikten beschäftigt, das vereinte Auftreten der Kriegsbeschädigten anstrebend
und in zermürbenden Strukturdebatten um die passende Organisationsform für den
jungen Verein ringend
– diese Funktionäre sahen sich einer Gruppe gegenüber, die sie
als solche vertreten wollten, deren Mitglieder sich aber – trotz faktischer Gruppenzu-
gehörigkeit – verständlicherweise mit der Frage einer Gruppenidentität weit weniger
befassten als mit den naheliegenden Dingen des täglichen Lebens. Zu sehr stand an-
fangs das unmittelbare Überleben oder – wie es die Funktionäre immer wieder mit
durchaus negativem Unterton formulierten
– „die Magenfrage“348 im Mittelpunkt. Die
Kriegsbeschädigten wollten eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensumstände und
verfochten dieses Ansinnen – wie das am Beispiel der zweckentfremdeten Nutzung
der Schleierbaracken oder der Besetzung des Laxenburger Schlosses gezeigt wurde –
durchaus vehement. Dabei war es für sie uninteressant, dass jene, die die Organisation
aufbauten und führten, auch mittel- und langfristige Ziele verfolgten. Diese wiede-
rum – in erster Linie sozialdemokratische und gewerkschaftsnahe Verbandsfunktio-
näre
– wurden, wie mehrere Berichte im Invaliden bezeugen, im Laufe des Jahres 1920
zunehmend ungehalten über die von ihnen Vertretenen, die vom Staat (und auch von
der Interessenvertretung) alles – und eben auch Unmögliches – wollten :
„Es ist jeder unehrlich zu nennen und er leistet seinen Kameraden, er leistet unserer Volksre-
publik bestimmt keinen Dienst, wenn er die breiten Schichten des Volkes aufreizt, dadurch,
daß er ihnen vormacht, es wäre alles in Fülle vorhanden, es hinge nur von der Energie und
dem Ungestüm ihres Forderns ab, mehr zu erreichen. Ein solcher Volksfreund hat den Be-
griff Staat im Kopf, der für ihn aber nicht mehr enthält, als die fünf Buchstaben, mit denen er
geschrieben wird. Er glaubt dann, eine je größere und aufgepeitschtere Menge von Volksge-
nossen er gegen diesen Staat, der sich ihm noch eventuell durch die Gebäude des Parlaments
oder sonst versinnbildlicht, Sturm laufen läßt, desto sicherer an einen Erfolg.“349
348 Der Invalide, Nr. 7 v. 1.4.1920, S. 1.
349 Ebd.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918