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Die Wundes des Staates - Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
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362 Die Praxis des Invalidenentschädigungsgesetzes sehener Voraussetzungen existent. Die Zuerkennung von Renten an Personen[,] die einen Rechtsanspruch nicht besitzen, weil die gesetzlichen Voraussetzungen bei ihnen nicht vor- liegen, bedeutet die Gewährung von Begünstigungen, die für Invalide vorgesehen sind, an Nichtinvalide. Wenn auch diese Personen berücksichtigungswürdig sind, so erscheint es doch empfehlenswert, sie nicht vom Gesichtspunkte der Invalidenfürsorge, sondern eher von dem der Armenfürsorge zu unterstützen.“131 Dem Zentralverband zu unterstellen, er wolle hinter bereits Erreichtes zurückgehen und jenen Prinzipien, die die Kriegsbeschädigtenversorgung der Monarchie geprägt hatten, ein Comeback gewähren, wäre ohne Zweifel zu kurz gegriffen. Aber  – so ließe sich diese Forderung wohl auch übersetzen  – so hatte man sich das Ganze einfach nicht vorgestellt. Trotzdem bleibt nach wie vor die Frage offen, welche Motive den Verband in seiner Politik zu dieser Zeit tatsächlich leiteten. Woraus speiste sich der  – wohl unbewusste  – Rückgriff auf ein vermeintlich überwundenes und auch nachhaltig diskreditiertes Prinzip, wie es die Voraussetzung der „Würdigkeit“ als Basis für eine Unterstützung darstellte ? Noch vehementer stellt sich diese Frage in Bezug auf die schließlich tatsächlich durchgesetzte Forderung nach einer Einheitsrente, die an die Stelle des differenzierten Bemessungssystems trat, wie es das IEG 1919 normiert hatte. Immerhin nahm der Zentralverband ja in Anspruch, Vertreter aller Kriegsbeschädigten zu sein, seine Forderung nach der Schaffung einer Einheitsrente müsste daher jene Mitglieder verärgert haben, die vor der 7. Novelle aufgrund ihrer Vorbildung bzw. ihres früheren Einkommens in einer der höheren Rentenstufen eingereiht gewesen waren. Teilweise erklärt sich das Streben des Verbandes nach der Einheitsrente dadurch, dass die Funktionäre 1922 bereits äußerst entnervt davon waren, die Früchte ihrer Verhandlungserfolge schneller durch die Inflation vernichtet zu sehen, als sie den Ver- bandsmitgliedern kommuniziert werden konnten. Statt Lob für ihre Anstrengungen zu erhalten, kamen sie gegenüber den Mitgliedern immer wieder unter Rechtferti- gungsdruck und mussten begründen, warum die behaupteten Erfolge sich nicht in werthaltigen Renten niederschlugen. Realistischerweise muss man aber wohl davon ausgehen, dass es keiner noch so machtvollen Vertretung der Kriegsbeschädigten An- fang der 1920er-Jahre gelingen hätte können, den politisch Verantwortlichen ein Ge- setz abzutrotzen, das in der Praxis auch tatsächlich funktionierte. Selbst die mit der 7. Novelle eingeführte automatische Anpassung der Teuerungszulagen an die Inflation konnte die Entwertung der Renten nicht wirklich aufhalten, da zu dieser Zeit, Mitte 1922, selbst das Nachhinken der Anpassung um drei Monate ausreichte, um die Ren- 131 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1399, 13509/1922, Sitzung der Invalidenfürsorgekommission, v. 22. und 23.5.1922, S.  4.
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Die Wundes des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die Wundes des Staates
Subtitle
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Authors
Verena Pawlowsky
Harald Wendelin
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79598-8
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
586
Categories
Geschichte Nach 1918
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