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Spielabgabe : „Besteuerung der Gemütlichkeit“ ?
als Aufsichtsorgane angestellt werden, sich wegen Sympathie oder Antipathie, die
ihnen von Prassern, Schlemmern, Schiebern und sonstigem Kriegsgewinnergesindel
entgegengebracht werden wird, keine grauen Haare wachsen lassen.“49 Aus dem Zitat
spricht ganz nebenbei auch eine gewissermaßen puritanische Haltung, die den Funk-
tionären des Zentralverbandes nicht ganz fremd war und die es erlaubte, Spieler mit
„Schiebern und sonstigem Kriegsgewinnlergesindel“ gleichzusetzen.
Die Gastgewerbetreibenden hatten andere Sorgen : Bei einer Enquete des Reichs-
verbandes der gastgewerblichen Genossenschaftsverbände sah der Vorstand des Verbandes
geradezu eine gesamtwirtschaftliche Katastrophe herannahen :
„Eine Flucht des kartenspielenden Publikums ist heute schon zu bemerken, das Schachspiel
liegt brach, Domino und Billard wird nur mehr selten gespielt, an manchen Tagen gar nicht.
Die drei Wiener Billardfabriken, Stark, Seyfert und die Wiener Billardtischlerei sind
gezwungen, ihre Betriebe einzuschränken, oder auf andere Leistungen einzustellen, deren
Personal wird zum Teil entlassen und hierdurch brotlos. Die Spielkartenfabrik Piatnik leidet
ebenfalls bereits unter diesen Umständen, entläßt Kartenputzerinnen und wird ihre Pro-
dukte um 100 % im Preis erhöhen müssen.
Das Großkapital wird von der Abgabe nicht getroffen, da es seine Spielabende in private
Zirkel verlegt ; der Kontrollapparat wird sehr teuer werden, daher der Abgabe keine, oder
eine nur geringe Ertragsfähigkeit heute schon zugemutet werden kann. Betriebsstörungen
kommen auch bereits vor, durch Übergriffe kontrollierender Invaliden, welche nicht mit rich-
tigem Takte bei der Kontrolle vorzugehen wissen.“50
Diese Schwarzmalerei des Verbandes steht im krassen Widerspruch zu dem, was aus
den Bundesländern und der Hauptstadt über den Vollzug – oder besser den „Nicht-
Vollzug“ – des Gesetzes berichtet wurde. Das Ergebnis einer groß angelegten Kont-
rolle von Betrieben in Wien – im Auftrag des Staatsamtes waren an einem Tag nicht
weniger als 268 städtische Beamte im Einsatz – dürfte jedenfalls nicht dazu beigetra-
gen haben, die Hoffnung auf eine segensreiche Wirkung des Spielabgabengesetzes zu
erfüllen. Der Bericht an das Staatsamt hält fest, „dass in einzelnen Betrieben die Zahl
der ohne Spielkupon angetroffenen Spieler eine so grosse war, dass die [Feststellung
der] Identität sämtlicher Beanständeter […] ausserhalb des Bereiches der Möglichkeit
49 Ebd.
50 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1564, Sa 121, 21569/1920, Protokoll der Enquete v. 15.7.1920. Der
Landesverband Vorarlberg des Zentralverbandes wusste dem Staatsamt für soziale Verwaltung Anfang
September 1920 zu berichten, dass „von den Spielern in den abgabepflichtigen Orten ein förmlicher
Streik eröffnet“ worden sei, ein Großteil der Spielergruppen habe sich in Privatwohnungen zurückgezo-
gen ; ebd., Kt. 1564, Sa 121, 25512/1920, LV Vorarlberg an StAfsV v. 1.9.1920.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918