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bis 1934
Demonstration, die durch das harte Eingreifen der Polizei mit 89 Toten und mehreren
Hundert Verletzten endete, richtete sich gegen ein als skandalös empfundenes Ur-
teil im sogenannten Schattendorfer Prozess und hatte insofern einen engen Bezug
zur Kriegsopferbewegung, als die am Tag vor der Demonstration freigesprochenen
Männer des Mordes an zwei Personen angeklagt gewesen waren, von denen einer ein
Kriegsbeschädigter war.109 Der Reichsbund warf dem Zentralverband vor, dass dessen
unmittelbar hinter dem Justizpalast gelegenes Verbandshaus den Demonstranten als
Sammelplatz gedient habe,110 und als der Wiener Landesverband auch noch eine Aus-
dehnung des IEG auf die Opfer unter den Demonstranten forderte, rückte der Reichs-
bund empört von „jenen sogenannten Kriegsopferführern ab, welche diese Brandstifter
und dieses Räubergesindel auf eine gleiche Stufe mit den Helden des Weltkrieges
stellen wollten.“111 Die Länderkonferenz des Zentralverbandes verwarf diese Idee dann
auch wieder, weil dadurch die in einem fort beteuerte parteipolitische Neutralität des
Verbandes zu offensichtlich aufgegeben worden wäre.112
Gerade Überparteilichkeit war aber für den Zentralverband seit den ersten Tagen
der Republik ein zentrales Schlagwort und das Argument für seinen Anspruch, die
Vertretungsorganisation aller Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen zu sein.
Als gäbe es, wenn es um die Anliegen von Kriegsbeschädigten ging, keine parteipoliti-
schen Gegensätze, wurde nämlich von den Funktionären stets behauptet, dass in „kei-
ner andern Standesorganisation […] Anhänger aller politischen Parteien zur gemein-
samen Arbeit so innig vereinigt [seien], wie im Zentralverband und Landesverband
Wien. Der christlichsoziale Landesrat Kamerad Mader,113 sitzt neben dem sozialde-
mokratischen Vizebürgermeister von Graz Kameraden Rückl,114 der Großdeutsche
neben den Kommunisten. Wenn sie die Kriegsopferfragen behandeln, wird alle Tages-
109 Die drei Männer, Angehörige der Frontkämpfervereinigung, waren des Mordes an einem Kriegsbe-
schädigten und einem Jugendlichen bei Zusammenstößen zwischen sozialdemokratischem Schutz-
bund und Frontkämpfervereinigung im burgenländischen Schattendorf angeklagt, ihr Freispruch am
14.7.1927 war Anlass der Demonstration.
110 „Was fällt Ihnen ein Herr Brandeisz ?“, in : Oesterreichs Kriegsopfer, Nr. 7/8 v. Juli/August 1927, S. 2.
111 „Resolutionen zum 15. Juli“, in : ebd., Nr. 10 v. Oktober 1927, S. 4.
112 „Tirol“, in : ebd., Nr. 1 v. Jänner 1928, S. 5f.
113 Hans Mader, Funktionär des Tiroler Landesverbandes des Zentralverbandes ; Landesverband Wien
(Hg.), Handbuch, Wien 1921, S. 20.
114 Engelbert Rückl (*1888, †1946), war in der Ersten Republik Obmann des steirischen Landesverbandes
des Zentralverbandes und Grazer Vizebürgermeister, nach dem Zweiten Weltkrieg im Mai 1945 für
wenige Tage Bürgermeister der Stadt und an der Jahreswende von 1945 auf 1946 kurzzeitig Abge-
ordneter (der SPÖ) zum Nationalrat ; http://www.parlament.gv.at/WW/DE/PAD_01717/pad_01717.
shtml (Abfrage : 2.5.2012).
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918