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Oktober 1848
Aufstand los, ein theil des militärs, hauptsächlich italiener, scheint (gewiß
kann man bey den bisher noch ungenauen nachrichten nichts sagen) mit
dem Pöbel fraternisirt zu haben, die Anstalten waren wieder wie gewöhn-
lich schlecht getroffen, das militär hatte keinen Befehl zum feuern, die
nationalgarde ader innern stadta kämpfte gegen die radicale der vorstädte,
kurz die canaille blieb sieger. latour, gegen den wegen seiner verbindung
mit Jellachich und der aufgefangenen Briefe desselben der haß der un-
garn vorzugsweise gerichtet war, wurde im hofkriegsgebäude ermordet!!
(mord ist jetzt die tagesordnung), das bürgerliche Zeughaus erobert. die
nationalversammlung1 erklärte sich permanent, die slavischen und wie es
scheint auch viele der gemäßigten mitglieder blieben aus, und der kaiser
verließ am 7. früh schönbrunn, gegen linz zu, und hinterließ ein manifest,
worin er in einfachen ernsten Worten an den gesunden sinn seiner völker
appellirt. der reichstag hat mehrere Proclamationen erlassen, welche ganz
in loyalem monarchischen geiste abgefaßt sind (obwohl die linke jetzt dort
zu praedominiren scheint), aber auch kein Wort der entrüstung über das
geschehene ausgesprochen. doblhoff, kraus und hornbostel führen die re-
gierung bis zur vervollständigung des ministeriums fort. Was wird nun
aus all dem werden? Jellachich gelähmt und seine ernennung zum alter
ego doch nicht widerrufen, der exaltirten fraktion kossuths muth gegeben,
der kaiser fort und mit dem festen entschlusse, den er wie ich hoffe auch
halten wird, nicht eher nach Wien zurückzukehren, bis nicht vollkommene
ordnung hergestellt ist, und italien, carl Albert wird neue hoffnung schöp-
fen und vielleicht die feindseligkeiten erneuern.
für diesen letztern fall habe ich gestern an schmerling geschrieben und
ihn dringend aufgefordert, eine solche Wiederaufnahme als einen Akt der
feindseligkeit gegen deutschland zu bezeichnen und für den fall wenig-
stens ein Beobachtungscorps zum schutze der reichsgrenze (verona) auf-
zustellen. Als partie co-intéressée hat deutschland dazu das recht und die
Pflicht. Dieses spreche ich auch hier ganz offen aus, damit es zu den rechten
ohren komme. ich habe lange keinen so traurigen tag gehabt wie den 13.,
als ich diese nachrichten erfuhr, selbst damals nicht, als ich die ereignisse
vom 18. september aus frankfurt erfuhr. die gestrigen nachrichten, die
Wiederherstellung der ruhe, das gute Benehmen des reichstages etc. ha-
ben mich wieder etwas beruhiget, heute sonntag gibt es keine nachrichten.
klärte alle nicht sanktionierten Beschlüsse für ungültig, erließ für ungarn das kriegsrecht
und ernannte Graf Jellačić zum Oberbefehlshaber und bevollmächtigten Kommissär und
stellvertreter des kaisers für ganz ungarn samt seiner nebenländer.
a–a eingefügt.
1 gemeint ist der konstituierende reichstag in Wien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien