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Februar 1849
chen zurücknehmen wird. es wäre demnach sehr möglich, daß die genann-
ten regierungen in nächster Zeit einen collectivschritt thäten und die na-
tionalversammlung fallen ließen, wenn nicht von hier aus etwas geschieht,
was Alle befriedigen kann.
dieses setzte ich gagern auseinander und theilte ihm dann meinen Plan
einer neuen Bundesacte mit, welche von Bevollmächtigten aller deutschen
regierungen abgeschlossen und von der nationalversammlung angenom-
men werden sollte, worauf dann die eigentliche mission dieser letztern be-
endigt wäre, und das bisher berathene verfassungswerk zu einer special-
verfassung für die (20, 30, 35 etc.) deutschen staaten herabsinken würde,
welche gesonnen wären daran theilzunehmen. gagern behielt meine Aus-
arbeitung bey sich und wird mir in ein paar tagen weiter darüber sprechen.
rechberg soll diesen Abend von münchen hier ankommen.
die gesellschaftlichen verhältnisse sind mir hier so unangenehm und
langweilig wie die politischen, es ist das alltägliche und doch bewegte ei-
nerley einer vergnügenssüchtigen kleinen stadt, welchem man sich, ohne
auffällig und unartig zu werden, kaum entziehen kann, leider ist mein frü-
herer Zufluchtsort, der Bergensche Salon, nun auch in den Strudel mit hin-
eingerissen worden, in welchen die gute frau auch ganz hineinpaßt, mir
aber geht hierdurch meine frühere unabhängigkeit vom hiesigen treiben
verloren, denn da ich aus system keine clubs mehr besuche, das hiesige
gasthausleben aber mit dem lärmen und tabaksqualme nicht ertragen
kann, so bleibt mir oft nichts anders übrig, als diese lustbarkeiten mit ei-
nem gesichte so langweilig wie das eines leichenbitters mitzumachen.1
[frankfurt] 15. februar
ich habe mit rechberg gestern und heute viel verkehrt und manches in-
teressante erfahren. das österreichische Projekt war folgendes gewesen:
eintheilung in 6 kreise: oesterreich (und zwar ganz!!), Preußen und die
4 könige als kreisobersten. eine repräsentativverfassung etc. für jeden
kreis, in frankfurt ein Bundestag bestehend aus einem Bevollmächtig-
ten per kreis als oberhaus und zwey ständeabgeordneten als unterhaus.
die competenz dieser centralrepräsentation bloß die des bisherigen Bun-
1 „Ich halte mich hier in dignified solitude und abseits von allen Parteyen, indem ich keine
ganz billigen kann, und überhaupt die sache sich nicht mehr, oder wenigstens nicht mehr
ausschließlich hier machen wird, und es machen mir daher alle Parteyen die cour, viel-
leicht werden sie mich un beau matin alle zerreißen, dabey bin ich aber nicht müßig. da
man zu meiner redlichkeit und zu meiner einsicht vertrauen hat, so wenden sich sehr
viele ausgezeichnete leute und fast alle diplomaten etc. an mich, um so mehr, als schmer-
ling in jenen beyden Beziehungen kein vertrauen genießt.“ (Andrian an seine schwester
Gabriele, 17.2.1849; K. 114, Umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien