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Tagebücher226
Auch die sächsischen kammern haben sich gegen ein preußisches erbkai-
serthum ausgesprochen.
frankfurt 28. februar
sonntag den 25. Abends kam ich von Baden zurück, seit gestern habe ich
ein heftiges fieber und bin sehr matt und krank. sobald ich reisen kann,
gehe ich nach Wien, ob mir nun Gagern (dessen geschäftliche Unbehülflich-
keit wirklich grenzenlos ist) Aufträge mitgibt oder nicht.
heckscher, hermann und sommaruga sind auf eigene faust nach ol-
mütz abgereist, um ihren sogenannten großdeutschen verfassungsentwurf
zur Annahme zu empfehlen, ein unsinniges unternehmen, das ich nur von
heckscher nicht begreife, die beyden andern sind hanswurste, bey heck-
scher mag es sucht seyn, wieder eine rolle zu spielen, wohl auch sich an
der nationalversammlung zu rächen. doch läugne ich nicht, daß mir diese
reise einige unbehaglichkeit verursacht und vielleicht meine Abreise be-
schleunigt, denn in olmütz ist das unsinnigste in deutschen Angelegen-
heiten zugleich das Wahrscheinlichste. 28 deutsche staaten, 22 millionen
repräsentirend, haben sich nun mit Preußen vereint und erklärt, an dem
Bundesstaate auf der Basis der hier entworfenen verfassung beizutreten.
die 4 könige fehlen noch. oesterreich wird wieder post festum kommen.
die russen sind in siebenbürgen eingerückt, was unter unsern großen
männern hier (und hierin sind sie sich Alle gleich: linke und rechte, ga-
gern, schmerling etc., in Beziehung auf höhern politischen Blick stehen
sie Alle auf derselben höhe) gewaltige Angst erregt, ich habe gar nichts
gegen die russische Allianz, finde sie sogar unter den jetzigen Umständen
die natürlichste, nur fürchte ich, wird dieselbe classe von staatsmännern
in oesterreich der regierung deßwegen einen harten stand bereiten, und
jedenfalls wünschte ich nicht, daß oesterreich, wie dieses jetzt der fall ist,
rußland zu seinem einzigen Alliirten habe.
[frankfurt 2. märz]
die coalition zwischen der linken und der österreichischen Partey steht
eben jetzt in schönster Blüthe, und das resultat davon ist das allerradi-
calste Wahlgesetz, ohne census, direct und mit geheimer Abstimmung!
ich ging gestern, 1. märz, aus dem Balle eigens in die Paulskirche, um ge-
gen diese saubere coalition namentlich abzustimmen,1 überhaupt verliert
1 in namentlicher Abstimmung abgelehnt (239 gegen 230 stimmen) wurde der Antrag des
Ausschusses „das Wahlrecht muß in Person ausgeübt, die stimme mündlich zu Protokoll
gegeben werden.“ dagegen fand der minoritätsantrag: „das Wahlrecht wird in Person
durch stimmzettel ohne unterschrift ausgeübt“ die mehrheit (249 gegen 218 stimmen).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien