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April 1849
ist und die verfassung bereits endgültig publicirt hat,1 zum ersten Conflicte
kommen, besonders da die Partey der linken (beyde simon2), welche für
den kaiser stimmte und dadurch die Wahl entschied, sich von den centren
eine schriftliche erklärung ausstellen ließ, daß sie die verfassung nunmehr
als vollendet ansähen und keiner erheblichen Änderung derselben zustim-
men würden. diese erklärung wurde von mehr als 100 Abgeordneten, dar-
unter auch gagern (dumm genug) unterfertigt.3 überhaupt ist gagern, seit
ich weg bin, blind wie ein angeschossener eber darein gegangen und hat
viel dummes Zeug gemacht. Wenn es nun doch zur vereinbarung kommt,
so bleibt nichts übrig, als daß alle unterzeichner jener erklärung austreten
und neue Wahlen erfolgen.
über die Antwort des königs entstand großer lärmen in beyden kam-
mern zu Berlin, welche seit kurzem sehr deutsch gesinnt sind, nament-
lich in der 2. kammer wurde auf den Antrag vincke’s eine kommission für
entwerfung einer Adresse an seine majestät ernannt. Am 4. theilten nun
die minister ein circulare mit, welches sie an alle deutschen regierungen
erlassen haben. darin erklärt sich der könig 1. bereit, da erzherzog Johann
abtreten wolle, die leitung der centralgewalt provisorisch zu übernehmen
(sehr geschickt, grâce à la stupidité de s.A.i.), 2. entschlossen, den frank-
furter Beschlüssen geltung zu verschaffen und an die spitze eines Bundes-
staates zu treten, dem jene staaten beytreten mögen, welche wollen.4
letzteres ist das entscheidende, also doch wieder der engere und weitere
Bund, nur mit dem unterschiede, dass die einheitliche oberhauptswürde
Preußens jetzt kaum mehr zu umgehen seyn wird, während noch vor kur-
zem ein directorium nicht zu erreichen gewesen wäre. das hat die unge-
1 Am 28. märz 1849 waren zugleich mit der kaiserwahl reichsverfassung und reichswahl-
gesetz amtlich veröffentlicht worden.
2 für die Wahl könig friedrich Wilhelm iv. stimmten die mitglieder der gemäßigten linken
(Westendhall) heinrich (magdeburg) und max simon (steinau, preuß. schlesien), dagegen
der zur äußersten linken (donnersberg) zählende ludwig simon (trier).
3 heinrich v. gagern wurde wegen dieser erklärung am 11.4.1849 in der nationalversammlung
interpelliert. er erklärte in seiner Antwort, es sei offensichtlich, dass er seine unterschrift als
Abgeordneter und nicht als regierungsmitglied gegeben habe. Außerdem sei zum Zeitpunkt
der unterzeichnung sein rücktritt vom reichsverweser bereits genehmigt gewesen.
4 die preußische Zirkularnote war mit 3. April 1849, dem tag der Ablehnung der kaiserkrone
durch den könig, datiert. von einer durchführung der Beschlüsse der nationalversamm-
lung ist darin allerdings keine rede. im gegenteil, die einzelstaaten wurden aufgefordert,
Bevollmächtigte nach frankfurt zu entsenden, die bindende erklärungen abgeben sollten:
1) über den Beitritt zum Bundesstaat und dessen Bedingungen; 2) über die Stellung des
Bundesstaats zur nationalversammlung und deren Beschlüssen „mit der maßgabe, daß
das Werk der vereinbarung über die verfassung unverzüglich in Angriff genommen wird“,
und 3) über das verhältnis zu den nicht dem Bundesstaat beitretenden deutschen ländern.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien