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chen, ich glaube nicht, daß bey ihrem Zusammentritte daselbst 100 mitglie-
der anwesend seyn werden. der Präsident reh und mehrere mit ihm sind
ausgetreten.1 Preußen hat den erzherzog Johann förmlich aufgefordert, die
verweserschaft in seine hände niederzulegen, und zugleich ganz katego-
risch erklärt, daß es in der dänischen sache nunmehr für sich allein und
ohne rücksicht auf die centralgewalt vorgehen werde, und demgemäß an
Bunsen und Prittwitz das nöthige erlassen. Als grund wird angegeben,
daß das reichsministerium nach dem gesetze vom 28. Juny bey Beschlüs-
sen über krieg und friede an die Zustimmung der nationalversammlung
gebunden sey, welche letztere Preußen nicht mehr anerkenne. der erz-
herzog hat sehr energisch geantwortet und das verfahren Preußens einen
Bundesbruch genannt. die correspondenz ist veröffentlich und wirkt sehr
zum nachtheile Preußens, ich sehe den Zweck dieses manœuvers von seite
Preußens nicht ein und halte es für sehr ungeschickt, es müßte denn, na-
mentlich wegen Dänemark, ein russischer Einfluß dahinter stecken.
[Wien] 8. Juny Abends
morgen ziehe ich nach Baden, wo ich im sauerhofe eine Wohnung genom-
men habe, dort gedenke ich etwa 4 Wochen die Bäder zu brauchen, was
dann geschieht, weiß ich nicht, übrigens bin ich froh, aus diesem langweili-
gen orte wegzukommen.
noch immer nichts neues, nichts entscheidendes hier, als daß wir täg-
lich mehr in den dreck versinken, in ungarn nichts, während man dort
gegen uns den kreuzzug predigt und organisirt, und die cholera und die
sommerhitze immer stärker werden. geringer, den „kleinen Beamten“ par
excellence, hat man zum obersten civilcommissair ernannt!!! in italien
ebenfalls nichts neues, kein friede, daher keine organisirung, ja kein sy-
stem, über das man in dieser Beziehung im reinen wäre, und was vielleicht
das Ärgste ist, unsere geldverhältnisse von der Art, daß ein Bankerott nä-
her ist als je seit märz 1848. gold und silber zu erschreckenden Preisen,
scheidemünzen verschwunden, die Bank auf miserablen füßen, und die
verwaltung thut nichts, das ministerium wird täglich jämmerlicher und
haltloser, und am ende wird es dann doch, ohne jeden äußeren Anstoß,
durch seine eigene unfähigkeit fallen. mehrere kleine deutsche regierun-
gen sind Preußens verfassungsentwurfe beygetreten, Bayern nicht, doch
1 die letzte sitzung in frankfurt fand am 30.5.1849 statt. Präsident theodor reh trat aus
Protest gegen den verlegungsbeschluss zurück, da er „meiner festen ueberzeugung nach
das letze Band des vertrauens zerreißt, welches zwischen ihnen und dem deutschen volke
besteht, und weil er die stärkste säule ihrer moralischen kraft zerbricht.“ die erste sit-
zung in stuttgart fand am 6. Juni statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien