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Tagebücher328
civilcommissärs ganz einverstanden, es handelt sich jedoch noch um die
Bestimmung seiner stellung vis-à-vis Wimpffens und des landtages, und
in dieser Beziehung werde ich ziemlich hohe forderungen stellen, wir sind
also noch nicht am ende, übrigens geht mir über diesen ewigen verzöge-
rungen beynahe die geduld aus, denn ich möchte endlich von hier fort.
[Wien] 19. Jänner
mit meiner ernennung nach triest sieht es in der hinsicht wieder weni-
ger gut aus, als die Bedeutung der mir zugedachten stellung mir unter
den händen einschrumpft. Bruck, der wie alle seine kollegen nur daran
denkt, sich eine recht vollständig gegliederte und möglichst zahlreiche Be-
amtenhierarchie zu schaffen, will nämlich alle commerziellen, maritimen
etc. gegenstände, also bey weitem den wichtigsten theil, von der statthal-
terei trennen und einem eigenen collegium (als embryo einer künftigen
Admiralität, wahrscheinlich als einen rücktrittsposten für sich selbst) zu-
weisen, dessen chef zwar vor der hand Wimpffen ad personam seyn soll,
dem er aber in dieser eigenschaft einen fachmann als vicepräsidenten und
eigentlichen faiseur beygeben will, so daß mir nichts als die leitung der
zwey unbedeutenden kreispräsidenturen görz und Pisino bliebe, eine lei-
tung, welche, da die statthaltereyen überhaupt keine instanz sind, sich so
ziemlich auf den landtag reduciren würde. schmerling meint zwar mit sei-
ner gewohnten Oberflächlichkeit, daß diese Trennung sich nicht so schnell
werde bewerkstelligen lassen. Jedenfalls habe ich gegen jede andere stel-
lung als die eines coordinirten im verhältnisse zu Wimpffen (also civilcom-
missär, alter ego) protestirt, daher gegen jede Benennung wie vicepräsi-
dent, vicestatthalter etc. Bach hat mich versichert, daß die sache jedenfalls
in der nächsten Woche zur entscheidung kommen werde, und wir wollen
nun sehen, was da herauskömmt. oettl meint, daß ich besser thun würde,
als landeschef nach dalmatien zu gehen, was ich aber, solange Jellachich
gouverneur dem titel nach bleibt, entschieden nicht thun werde, ich halte
Jellachich für einen noch mehr eiteln als ehrgeizigen mann und intriguant,
dem gegenüber meine stellung um so unhaltbarer wäre, als jetzt in dalma-
tien selbst die intriguen beginnen dürften, um dieses land zu vermögen,
sich für die incorporirung zu dem sogenannten dreyeinigen königreiche1
auszusprechen.
heute auf dem Balle bey Pereira sprach ich lange mit stifft, der wie ich
von der fähigkeit des ministeriums die allergeringsten Begriffe hat und
auf dessen baldige Auflösung hofft, was ich nicht thue, da ich keinen äu-
1 das historische „dreieinige königreich“ kroatien, slawonien und dalmatien, dessen verei-
nigung das Ziel der kroatischen Bewegung war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien