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Februar 1850
Beym Weggehen sagte ich Bach noch, daß ich durch mein langes Aushar-
ren meine Bereitwilligkeit hätte zeigen wollen mich verwenden zu lassen,
sowie daß ich keine opposition im schilde geführt habe, daß ich übrigens
nicht läugne, daß damit auch der Wunsch verbunden gewesen sey, mit dem
hofe meinen frieden zu machen, welcher mich am 29. märz vorigen Jahres
auf eine so unerklärliche Weise verletzt habe.1 Zum schlusse bath mich
Bach, ich möchte ihm meine freundschaft erhalten.
und somit sind diese beynahe 11monatlichen negociationen zu ende, ob
wir als freunde oder als feinde auseinandergekommen sind? das weiß ich
noch kaum zu sagen, übrigens hat es mit der feindschaft noch immer Zeit,
und vor der hand stehen mir beyde Alternativen offen.
[Wien] 16. februar
ich habe mich vor der hand für die Alternative der freundschaft oder ei-
gentlicher der nichtfeindschaft entschieden, dieß ist jedenfalls das klügere,
ein halber freund ist immer mehr zu ménagiren als ein feind. ich habe
diese meine stellung dadurch motivirt, daß ich, soviel grund zu persönli-
cher unzufriedenheit mir auch die ganze Art und Weise der nun abgebro-
chenen unterhandlungen gegeben haben mag, doch in den eben jetzt her-
vortretenden Anzeichen einer reaktionären Bewegung einen Beweggrund
für mich erblicke, das ministerium vor der hand zu unterstützen. dieses
habe ich oettl, dem ich gestern die begehrte liste italienischer vertrauens-
männer brachte, mit dem Auftrage es Bach mitzutheilen gesagt.
ich werde mich jetzt vor der hand passiv verhalten und wahrscheinlich
auf einige Wochen verreisen – wohin? weiß ich noch nicht. Am liebsten
ginge ich wohl nach Paris, doch kostet mich das zu viel geld.
lange wird dieses ministerium, wie mir scheint, nicht mehr dauern,
sondern an seiner eigenen unfähigkeit und uneinigkeit scheitern wie ein
schlechter reiter, der im schritte vom Pferde fällt. Was dann geschieht, ist
schwer zu sagen, ebensoschwer als das, ob wir in europa noch lange ruhe
behalten. die gefährlichen Jahrestage nahen, und das feuer glimmt noch
überall unter der Asche, in frankreich sehen die dinge nicht sehr beruhi-
gend aus.
ich habe endlich doch Anstalten getroffen, um die dummen gerüchte,
welche meinen nahmen immerfort mit reaktionären und ultra conservati-
ven combinationen in verbindung bringen, zu widerlegen und meine poli-
tische richtung in ihr wahres licht zu stellen, es war nothwendig.
1 Am 29.3.1849 war Andrian eine kaiserliche Audienz in olmütz verweigert worden. siehe
eintrag v. 30.3.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien