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die Aufregung zu erhalten, oder von den reactionärs, um die Aufhebung
des Belagerungszustandes zu hintertreiben, im spiele ist, weiß ich nicht
zu sagen. die Papiere fallen, der Wechselkurs steigt enorm, ebenso gold,
welches heute auf 24, silber auf 20 steht! die letzten socialistischen Wah-
len in frankreich, obwol sie mich nicht schrecken, die gerüchte einer ein-
mischung rußlands (das nie so hoch gestanden wie jetzt) und noch eine
menge andere dinge zusammengenommen, machen auf viele leute einen
tiefen eindruck. ich aber glaube trotz dem, daß wir wieder rüsten und
Pferde einkaufen, an keinen krieg, und wäre es auch nur unserer misé-
rablen finanzen wegen. das Parlament in erfurt ist eröffnet, gestern ist
seidlitz dahin abgegangen, ich habe ihm Briefe an gagern und stockmar
mitgegeben.
Bach hat mir zugesagt, daß er Zang’s Wunsch unterstützen wolle, wenn
dieser ein befriedigendes Programm geben würde. dieser wird nun an mich
einen ostensibeln Brief in form eines Programmes schreiben, dessen inhalt
wir gestern besprochen haben, und der, ohne sich die hände zu binden,
im Wesentlichen das ministerielle Programm vom 27. november 1848 cir-
cumscribiren wird. Bis jetzt scheint diese unterhandlung so ziemlich nach
meinem Plane zu gehen und Zang sich ganz an mich halten zu wollen.
man glaubt nun doch, daß der Belagerungsstand im may oder Juny zu
ende gehen soll, wenigstens schließt man dieses aus den bevorstehenden
Wahlen für den gemeinderath nach dem so eben erschienenen gemein-
destatute.1 das ministerium watet im kothe und sinkt täglich mehr in der
öffentlichen Achtung, doch scheint es um keinen Preis abtreten zu wollen,
und es gibt keine männer, um sie zu ersetzen, wenigstens keine, welche von
der öffentlichen meinung als solche bezeichnet werden, unser politisches
leben ist dazu noch zu jung, und wir haben weder eigentliche Partheyen,
noch coriphäen.
doblhoff schrieb mir neulich durch eine gelegenheit einen langen Brief,
er ist verstimmt und niedergeschlagen und persönlich verletzt durch die
Art und Weise, wie er hier von Allen, von freunden und feinden, fallen
gelassen wird.2
1 die provisorische gemeindeordnung für Wien hatte am 6.3.1850 die kaiserliche genehmi-
gung erhalten. die Wahlen zum gemeinderat fanden erst vom 30.9.–8.10.1850 statt.
2 frh. Anton v. doblhoff an Andrian, haag 14.3.1850 (k. 115, umschlag 666): „ich weiß,
daß du eben nicht zu den dicksten freunden des ministeriums gehörst und daß du in
vielen und wichtigen Dingen anders denkst, dennoch erscheint es mir Pflicht jedes Va-
terlandsfreundes, jedes wahrhaft gutgesinnten, in dem gegenwärtigen Augenblicke nicht
die Hände in den Schooß zu legen und nicht eine bessere Zeit abzuwarten; diese Zeit wird
nie erscheinen, wenn Alle so denken und das feld denjenigen überlassen, welche sich nur
aufs umkehren verstehen und die letzten schwachen stützen einer neuen Zeit wegräumen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien