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Tagebücher350
an, gegen das staatspapiergeld im Werthe zu steigen. viele wollen darin
ein manœuver Bruck’s gegen krauss sehen, gewiß ist, daß er und seine
spießgesellen stark intriguiren, um ihn zum finanzminister zu machen.
das wäre der Wolf im schafstalle.
ich habe mir durch die unglückliche idee, meine skizze der bewußten
Brochure durch seidlitz ausarbeiten zu lassen, doppelte Arbeit gemacht,
das, was er hineinflickte, war so schlecht, daß ich Alles neu umarbeiten
mußte, ich werde in 1–2 tagen damit fertig werden. übrigens eilt es mit
dem drucke nicht so sehr, ich will vorher mit der Zang’schen Affaire im
reinen seyn (nach dem erscheinen der Brochure dürfte dieses schwerer
fallen) und wo möglich auch mit meinen italienischen conferenzen zu ende
seyn. Auch will ich mich doch mit ein paar männern meiner farbe, z.B.
Stift, vorläufig besprechen, dergleichen Schritte sollten nie für sich allein
unternommen werden. kein Zweifel ist, daß mich die Brochure mit dem mi-
nisterium auf einen gespannten fuß stellen wird, und daß dann von einer
verwendung keine rede seyn kann. deym (der übrigens mit ihrer richtung
gar nicht einverstanden ist, da er ein starrer centralist ist) meint, ich solle
sie nur privatim den ministern mittheilen, ich aber meine, der hauptzweck
sey der, mein Programm öffentlich abzulegen und mich wieder in das ge-
dächtniß des Publicums zu bringen.
Zang hat sich seit 8 tagen nicht sehen lassen, daher auch sein Pro-
gramm noch nicht eingeschickt. Becher sagt mir, da er bey dem jetzigen
Anfange eines neuen Quartals viele Abonnenten neu gewonnen hätte, so
habe er mit fleiß zugewartet, bis diese thatsache zur kenntniß des mini-
steriums käme, was allerdings seine stellung bessert. nun höre ich aber
von einem höchst unpolitischen Artikel der „Presse“ von neulich gegen die
neuen theresienordensverleihungen, namentlich an Windischgrätz, bestä-
tigt sich dieses, so ziehe ich meine hand von ihm ab, wenn der kerl so un-
verläßlich oder so ungeschickt ist, gerade in diesem momente sich gerade
an das militär, dieses noli me tangere, zu wagen, so ist mit ihm nichts
anzufangen.1
es scheint endlich, als ob es frühling werden wollte, bisher hatten wie
immer kalte, windige, wenn auch heitere tage.
1 die Presse v. 30.3.1850, Wien 28. märz, gezeichnet c.B. darin heißt es, dass man dem
fürsten zur verleihung des ordens „nicht unbedingt glück wünschen könne.“ Während
die großen österreichischen feldherren den orden jeweils nach der Beendigung glorreicher
feldzüge gegen den auswärtigen feind erhalten hatten, würde er an Windischgrätz für
die niederschlagung der Aufstände in Prag und Wien und die darauffolgenden politischen
maßnahmen verliehen. es wäre dies der erste fall, dass der orden „zur Belohnung von
verdiensten ertheilt wurde, welche außer dem schlachtfelde erworben worden sind.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien