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Juni 1850
hingenau’s Brochure, deren correctur ich besorgte, ist fertig und wird
recht gut wirken. Auch den Wiener Boten (der gegen 12.000 Abonnenten,
hauptsächlich auf dem lande hat!) habe ich in die hand genommen und
ihm eine Art von instruction gegeben, wie er jetzt schon anfangen soll, über
landtage und landtagswahlen zu schreiben.1 das ist ein sehr mächtiges
instrument.
Auch mit gottfrieds vermögen, erhebung und Anlage seiner gelder etc.
habe ich ziemlich zu thun gehabt, welches Alles nicht hindert, daß ich na-
mentlich des Abends sehr an langer Weile leide. mir fehlt der umgang mit
interessanten frauen, freylich gibt es hier deren kaum.
ich war neulich auf 1 bis 2 tagen in Baden und gehe vielleicht heute
wieder hinaus. Bin ich von rosenau zurück,2 kann ich erst Projecte machen
für den sommer, und vielleicht auch dann nicht, die jetzige Zeit ist kostbar,
denn sie ist vielleicht die letzte für die vorbereitung zu den landtagen, und
ich habe mir fest vorgenommen, meine revanche so vollständig als möglich
zu nehmen.
[Wien] 19. Juny
heute schrieb mir frank, kaisersfeld könne nicht kommen, da eine Art
Bauernaufstand seine Anwesenheit auf seinem gute erheische. mir war
das sehr unangenehm, aber was war zu thun? ich schrieb dann gleich an
frank, egbert [Belcredi] und stifft und verlegte die Zusammmenkunft auf
die letzten tage dieses monats, obwol das meine Projekte ziemlich déran-
girt. es darf keine Zeit verloren werden, um uns zu rüsten, sonst treffen
uns die ereignisse, vielleicht sogar die landtage, unvorbereitet.3
Auch mit der herausgabe der Wochenschrift hapert es, sie sind zwar auf
3–4 hefte versorgt, fürchten aber, nicht genug stoff zu den weiteren heften
zu bekommen, und möchten hierin sichergestellt seyn, ehe sie anfangen, ein
von mir zugesandter Aufsatz hingenaus schien ihnen nicht geeignet. ich
habe geantwortet, die Wochenschrift sey nebensache, unsere theilnahme
benbei zu gebrauchen zu sein, um die erinnerung aufrecht zu erhalten, daß es anders sein
könnte und sollte, sie wird uns nicht dienen, zu dem Anderen zu gelangen.“ Zielführend sei
daher „nur der Weg der verständigung gleich und Wohlgesinnter, um auf dem gesetzlichen
Wege die energie ihres redlichen Wollens bis an die äußersten grenzen unserer constituti-
onellen Berechtigungen zu tragen und den kampf mit offenem visir gegen eine gesetzlose
Allmacht zu wagen, die uns dem untergange zuführt.“
1 die tageszeitung der Wiener Bote war nach dem eintrag v. 27.4.1849 von einer gruppe
um den Bankier frh. ludwig Pereira-Arnstein gegründet worden.
2 das gut von frh. Andreas stifft bei krems.
3 freiherr Andreas von stifft antwortete Andrian am 21.6.1850 (k. 114, umschlag 663): „ich
bin ganz mit ihnen einverstanden, daß es höchste Zeit zum handeln ist, und halte jeden
tag Zeitverlust für unersetzlich.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien