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Tagebücher384
Am montag den 12. früh fuhr ich, um mir die langeweile einer 16 stün-
digen Bergfahrt zu verkürzen, mit einem eilbauern bis gran, wo ich um 1/2
10 ankam. das dampfschiff kam um 1/2 11, und als ich eben ganz wohlge-
muth einsteigen wollte, ließ mich der diensthabende corporal nicht hinein,
weil mein Paß nicht vom graner Platzhauptmann vidirt sey! ich parlamen-
tirte lange mit ihm, und eben als ich ihn überzeugt hatte, fuhr das dampf-
boot davon. ich wollte verzweifeln, mußte mich aber fügen und 24 stunden
in dem häßlichen neste und einem elenden Bauernwirthshause zubringen.
in der nachbarschaft kannte ich niemand, und die nächste Bekannte, ma-
thilde Berchtold in orossy,1 war 6 stunden entfernt. doch verging mir die
Zeit schneller als ich gedacht hatte, indem ich mir nachmittags mit allem
détail die große Basilica besichtigte, welche vom Primas rudnay begon-
nen, noch im Baue begriffen ist, ein grandioses Bauwerk, wenn auch der
geschmack manches zu wünschen übrig läßt.
tags darauf, am 13., fuhr ich dann fort, in drückender hitze, und kam
nach einer langweiligen fahrt erst um 12 uhr nachts nach Pressburg,
wo ich schlief und tags darauf um 10 uhr mit der eisenbahn nach Wien
fuhr.
der kaiser ist heute auf 8–10 tage nach ischel, der ganze hof ist fort.
Alles ziemlich leer und todt, wenig neues noch stoff zum gespräch, nur
in Beziehung auf schleswig holstein thut sich eine mich überraschende
Theilnahme durch zahlreiche Geldsammlungen, Beneficevorstellungen etc.
kund. Bey der rückkehr der Wiener Amnestiirten fürchteten die minister
(die sich vor Allem fürchten) eine demonstration und ließen sie daher ein-
zeln und verspätet ankommen. übrigens scheint diese, sehr spärliche, Am-
nestie hier keinen eindruck gemacht zu haben.
von Aufhebung des Belagerungsstandes ist trotz Allem, was die Blätter
sagen, keine rede, doch glaube ich nicht, daß es lange mehr dauern kann.
die Wahlen für den gemeinderath und die Jury werden vorbereitet. vom
landtage keine spur. einstweilen bereite ich mich auf die Zusammen-
kunft vom 25. vor und hoffe, daß damit endlich ein entscheidender schritt
vorwärts gemacht werden wird. übrigens treibe ich das Alles jetzt mehr
mechanisch fort, ich fühle eine gewisse nicht ermattung, sondern Apa-
thie, und möchte mich von all dem treiben zurückziehen und abwarten.
die Zeit, die verhältnisse und die ungeschicklichkeit der leute werden
Alles von selbst machen, besser und vielleicht schneller als wir es künst-
lich hervorzubringen suchen und doch keine hinlängliche kraft dazu be-
sitzen.
1 richtig nagyoroszi.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien