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November 1850
glückte italienische Zwangsanleihen (124 millionen l.A.) von neuem unter
veränderten modalitäten publicirt worden.1 ich bin neugierig, ob es krauss
und seinen ungeschickten handlangern dießmal gelingen wird.
[venedig] 25. november
gestern stand das silber in Wien 40, die metalliques 87, also eine sehr be-
deutende Besserung, die Zeitungen können erst morgen Aufschluß bringen,
indessen erkläre ich mir den vorgestrigen fall durch den rücktritt manteuf-
fels, das gestrige steigen hingegen durch friedliche versicherungen seines
nachfolgers.2 trotz Alles dessen scheint der krieg sehr nahe zu stehen. man
schreibt mir von Wien, daß im Publikum die größte Aufregung herrscht, bey
hofe dagegen ist Alles rosenfarb, der kaiser träumt nur von krieg, erzher-
zogin sophie macht Phrasen über die glorie und das glück oesterreichs,
einen solchen herrscher zu besitzen. Quos deus perdere vult etc. mittlerwei-
len hat man, de but en blanc, den eid des heeres auf die verfassung abge-
schafft, dem § 118 der verfassung schnurstracks entgegen,3 sich in solchen
momenten mit dergleichen theoretischen fragen zu beschäftigten, ist ganz
in dem geiste der vielgeschmähten deutschen Professoren, dazu sehr un-
zeitig, und wird auch in der Armée selbst durchaus nicht gut aufgenommen
werden.
kömmt es zum kriege, und wird, was sehr unwahrscheinlich, kein euro-
päischer daraus, so haben wir im falle eines glücklichen Ausganges eine
militärherrschaft, weit ärger als die jetzige, im unglücklichen falle eine
revolution zu gewärtigen, in beyden fällen stürzt das ministerium, im er-
steren falle vielleicht mit Ausnahme schwarzenbergs. ob die kerls dieses
nicht einsehen? ich glaube ja, und daher an sehr ernstliche spaltungen un-
ter ihnen. Am wahrscheinlichsten aber ist, daß ein Brand daraus wird, der
ganz europa ergreift, die democraten rüsten aller orten, die Propaganda
in london hat einen Aufruf an die deutschen erlassen, und mazzini, dessen
Anleihe ganz gedeckt seyn soll,4 bereitet eine expedition nach calabrien vor.
1 nachdem eine im April 1850 in lombardo-venetien zunächst auf freiwilliger subskrip-
tion ausgeschriebene Anleihe trotz verlängerung der Zeichnungsfrist nur ein Zehntel der
erwarteten summe gebracht hatte, wurde sie im november durch eine Zwangsanleihe er-
setzt.
2 hier scheint Andrian wiederum falsche informationen, wohl aus der Presse, erhalten zu ha-
ben. der preußische provisorische Außenminister frh. otto v. manteuffel trat nicht zurück,
auch ist kein demissionsgesuch dokumentiert. er wurde im gegenteil am 19. dezember
definitiv zum Ministerpräsidenten und Außenminister ernannt und blieb bis 1859 im Amt.
3 § 118 der verfassung vom 4.3.1849 lautete: „der eid des heeres auf die reichsverfassung
wird in den fahneneid aufgenommen.“
4 giuseppe mazzini versuchte, über eine Anleihe die finanzierung eines neuen nationalen
Aufstandes in italien zu ermöglichen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien