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Mai 1851
erfüllen und von meinen fähigkeiten gebrauch machen zu können. darauf
empfahl ich mich.
im ganzen machte die Persönlichkeit des kaisers einen günstigen ein-
druck auf mich. er kam mir viel freundlicher und weniger verbittert vor, als
ich gedacht hatte, und trotz einiger, offenbar eingelernter Phrasen, die er
während des ersten theiles meiner rede anzubringen versuchte, fand ich in
seiner rede im ganzen viel mehr eigenes, gedachtes, individuelles, als man
sonst von seines gleichen zu finden gewohnt ist.
mit dem resultate meiner Audienz war ich daher insoferne zufrieden, ob-
wohl es statt einer unterredung, wie ich sie gewünscht hätte, nur eine steife
förmliche Audienz war und auch nichts Anderes seyn konnte, daher wohl
kaum einen bleibenden eindruck zurückgelassen haben dürfte, es ist eben
nur ein negatives resultat, eine rehabilitation, ein beseitigtes hinderniß.
Auf meinen eigentlichen Zweck: eine verwendung zu erhalten, sehe ich
davon keine unmittelbare Wirkung voraus und habe heute mit Bruck dar-
über gesprochen. schwarzenberg scheint an eine diplomatische verwendung
nicht zu denken, Bach hat so eben seinen Bruder zum statthalter in linz
ernannt und wird von seinem systeme, lauter nullen in höhere Posten anzu-
stellen, wohl kaum abgehen, ich sehe daher nur einen Weg, den der vorläu-
figen temporairen verwendung, z.B. in einer diplomatischen oder sonstigen
mission, was mir im jetzigen momente auch unbedingt das liebste wäre.
ich glaube, wir werden mit nächstem manches erleben, der reichsrath
ist die aufgehende sonne, diesem wendet sich Alles zu, das ministerium ist
schon in den hintergrund gedrängt, der reichsrath beschäftigt sich nun mit
der finanz-, eigentlich der valutafrage und hat vertrauensmänner dazu be-
rufen, auf diese kunde fiel vorgestern das silber Agio von 33 auf 30, heute
steht es 31. Alle hoffnungen auch in politischer Beziehung sind auf den
reichsrath gerichtet, von einer ergänzung desselben hört man immer spre-
chen, doch weiß man noch keine nahmen. krauss und Bach werden wohl
die ersten fallen, ersterer mit ehren, der andere mit schande und hohn.
ich habe noch nie einen menschen so gehaßt und zugleich so verachtet und
verspottet gesehen wie diesen, und mit recht.
schwarzenberg geht dieser tage nach dresden, um die dortigen famosen
conferenzen zu schließen und wo möglich noch etwas herauszupressen,auch
er dürfte auf dem letzten loche pfeifen. stürzt das ganze ministerium, so
folgt wahrscheinlich eines: Windischgrätz, kübeck, hartig etc.
neulich aß ich beym römischen kaiser mit deym, schmerling und stifft.
[Wien] 17. may
so brillant sich der frühling ende April anließ, so will es jetzt nicht recht
vorwärts, zwar ist es schon lange vollkommen grün, doch haben wir viel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien