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haben, und der gegenwärtige terrorismus der Presse, der kriegsgerichte,
verhaftungen und deportationen kann auch nicht lange anhalten.
hier gibt es nicht viel neues als die von oben ausgehenden Agitationen
gegen den gemeinderath und die communalverfassung der stadt Wien,
welche nun sogar durch ein Allerhöchstes handschreiben bekräftiget wor-
den ist. man möchte nach und nach Alles unterminiren. dann eine dumme
note schwarzenbergs an die amerikanische regierung puncto kossuth de
dato 4. July dieses Jahres, worin von nichts Anderem die rede ist als von
dem sklavenhalten.1
mittlerweilen haben wir hier das schönste Wetter von der Welt, und das
ist die hauptsache.
es finden fort und fort verhaftungen politischer natur hier und in un-
garn statt, darunter kossuths mutter und schwestern, kriegsrechtliche ver-
urtheilungen von beyspielloser strenge, so wurde ein dr. freund wegen cor-
respondenzen an die kölnerzeitung zu 3jähriger schanzarbeit verurtheilt!
Wie das unter den jetzigen umständen natürlich ist, wird Alles dieses dem
kaiser persönlich zugeschrieben, und man sagt, daß der stadthauptmann
Weiss (ein wahrer fouché au petit pied) unmittelbar von ihm Befehle erhält,
die minister betheuern wenigstens, keinen theil daran zu haben, wohin soll
das führen? Andererseits hört man doch wieder vom nahen erscheinen der
verfassung, so daß ich es nun beynahe selbst glauben muß, und zugleich von
bedeutenden ministerialveränderungen, nous verrons.
lord Westmoreland, welcher seit sechs Wochen auf die überreichung sei-
nes creditive wartete, hat endlich seine Audienz beym kaiser gehabt, einge-
führt durch ein Porzellanservice, welches königin victoria dem kaiser zum
geschenke gemacht hatte und ihm zur überreichung zugesendet worden
war, das ganze war eine demonstration, die viel von sich reden machte.
1 Wiener Zeitung v. 15.12.1851, 1150: Antwort des chevalier hüsemann, oesterreichischen
gesandten am hofe zu Washington, an se. exzellenz daniel Webster, staatssekretär der
vereinigten staaten von nordamerika, 4. Juli 1851. die regierung in Washington hatte
den österreichischen Protest gegen die entsendung eines diplomatischen Agenten der usA
an die ungarische revolutionsregierung mit der Begründung zurückgewiesen, sie sei aus-
schließlich auf dem Prinzip der volksherrschaft gegründet, wodurch sich die sympathie
von volk und regierung der usA für alle nach unabhängigkeit strebenden volksbewegun-
gen von selbst verstehe. in der Antwort wird darauf hingewiessen, dass der österreichi-
sche kaiser keine Belehrungen benötige „von seite einer sklavenhaltenden Aristokratie,
die in einer Beziehung jener in Ungarn aufgestandenen Aristokratie so sehr gleicht; sie
predigt nämlich die grundsätze der demokratie, während ihr ganzes streben dahin zielt,
eine willkürliche gewalt über ihre nebenmenschen auszuüben, und das auf die unverant-
wortlichste Weise.“ Weiter heißt es, „der kaiser blickt außerdem mit der ganzen übrigen
christenheit mit tiefem Abscheu auf das institut der sklaverei, die so schmachvoll und
entwürdigend ist für ein christliches volk.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien