Seite - 547 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Bild der Seite - 547 -
Text der Seite - 547 -
5475.
April 1852
man spricht wieder mit großer Bestimmtheit davon, daß schwarzenberg
und Bach austreten (ersterer aus gesundheitsursachen) und durch ficquel-
mont und hartig ersetzt werden sollen. Auch sagt man, daß kempen Poli-
zeyminister wird, welches mit dem obigen allerdings übereinstimmt, denn
wenn Bach die Polizey verliert, so wird ihm die einzige Waffe genommen,
mittelst welcher er sich so lange gehalten hat. Alle diese veränderungen,
welche noch vor einem Jahre große sensation erregt haben würden, erregen
jetzt nicht mehr die geringste. Alles fühlt, daß es zu spät ist.
meine erklärung ist in der Allgemeinen Zeitung unverstümmelt erschie-
nen und gefällt Allen denen, die mir davon gesprochen haben.1 dagegen
machte der Premier, den ich gestern im Prater begegnete, ein essigsaueres
gesicht. frank und Auersperg waren neulich bey mir und erzählten mir von
den vorgängen und der stimmung in steyermark, wo man viel entschiede-
ner und einstimmiger zu seyn scheint als hier, überhaupt ist die Provinz po-
litisch weit rühriger und empfindlicher als die hauptstadt, auf den Adel hat
hauptsächlich die suspendirung des landeshauptmannes Attems gewirkt.2
das Wetter ist sehr schön, gestern, wo ich zum ersten mahle im Prater
war, war es so voll wie im may, leider kann ich aber dessenungeachtet mei-
nen husten und Brustschmerz, die noch von Brüssel her datiren, immer
nicht los werden.
[Wien] 5. April
vorgestern früh 6 uhr ist erzherzogin hildegarde mit ihrem ganzen hause,
folglich auch gabrielle, nach ofen abgereist und, wie mir gabrielle diesen
morgen schreibt, Abends daselbst angekommen, ein feyerlicher empfang
war gar nicht, nur sehr wenig leute am landungsplatze (freylich war das
Wetter abscheulich) und nur ein paar eljens von bezahlten gassenbuben, so
1 Zum Artikel der Allgemeinen Zeitung, in dem Andrian als urheber eines angeblichen Auf-
rufs zur einberufung der landstände bezeichnet wurde, vgl. eintrag v. 19.3.1952. seine
entgegnung, datiert mit Wien 17. märz, erschien am 23.3.1852, Beilage 1326. darin be-
zeichnet Andrian die Angaben als frei erfunden: „ich habe nie einen schritt wie den oben-
bezeichneten, noch irgend einen ähnlichen gethan oder beabsichtigt. […] die frage über
die politische stellung und Bedeutung des Adels (oder richtiger ausgedrückt des großen
grundbesitzes) in oesterreich wird seit einiger Zeit mit einer gewissen Absichtlichkeit in
den vordergrund gedrängt – und man liebt es wohlfeile Phrasen auf seine kosten zu ma-
chen – Phrasen aber vergehen, wie wir erlebt haben; bleibend ist nur dasjenige, was sich
aus dem historisch, rechtlich und thatsächlich Bestehenden organisch entwickelt – alles
andere ist und bleibt ‚ein Blatt Papier‘.“
2 graf ignaz Attems, seit 1821 landeshauptmann, war bereits seit oktober 1849 im ruhe-
stand, führte jedoch die geschäfte weiter. Am 14.2.1852 wurde er enthoben und gleichzeitig
statthalter friedrich moritz v. Burger mit dem vorsitz und der leitung des ständischen
Ausschusses betraut.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien