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Juni 1852
gegen 1 uhr weit über 100 theils 4jährige, theils Pépinière hengste1 vorfüh-
ren und an der longe laufen, worunter die mehrzahl nichts nütz, dagegen
einige superbe Pferde. Wir speisten dann bey 2 häßlichen alten fräulein,
schwestern des commandanten, der in Arabien reist, und wurden nachmit-
tags auf ein paar der näher liegenden Zuchtstutengestüte hinausgefahren,
wo wir wirklich magnifique stuten und saugfüllen sahen. im ganzen ist es
ein grandioses institut, die Pferde aber werden durch überfütterung und
den eigensinn heinrich herdeggs, welcher ein leidenschaftlicher feind eng-
lischer Zucht ist, nicht das, was sie seyn könnten und sollten, und dabey
entsetzlich kostspielig. gegen 6 fuhren wir fort, tranken in kétegyháza thee
und waren gegen 11 uhr zuhause.
der kaiser reist noch immer im lande herum und wird mit spectakel,
Banderien,2 eljens etc. empfangen, das bedeutet in ungarn, wo man gerne
lärmen und streiche macht, allerdings nicht viel, der kaiser aber, sein mi-
nisterium, die anderen Provinzen und das Ausland werden dadurch theils
wirklich getäuscht werden, theils davon Anlaß nehmen, Andere und viel-
leicht auch sich selbst zu täuschen. übrigens schließen sich der höhere und
mittlere Adel, so fast alle honoratioren, selbst von diesen demonstrationen
aus, ja scheinen sogar darüber ziemlich ungehalten, weil es allerdings ihrer
Anschauung und dem, was sie seit 3 Jahren in Wien und anderwärts ge-
sagt und gethan haben, nicht entspricht, umsomehr gewinnt diese reise des
kaisers nach und nach das Ansehen einer Bauerndemonstration, und dieser
Begriff eines „Bauernkaisers“, den man schon in Pesth auftauchen hörte,
entfremdet natürlich die höheren classen noch mehr. übrigens würde sich
die regierung stark irren, wenn sie diese eljens und Banderien der Bauern
für Anhänglichkeit nähmen.
im ganzen wird das resultat der kaiserreise kein Anderes seyn als: grö-
ßere sicherheit und entschiedenheit von seite der regierung, größere ent-
fremdung der höhern klassen, geringere meinung von der persönlichen
Bedeutung des kaisers, welcher alle bedeutenderen und tiefer eingehenden
gespräche vermieden, ja sie sogar allen deputationen und individuen etc.
durch ämtliche circularien hat verbiethen lassen und gar keine andere ei-
genschaft gezeigt hat als die einer ganz übertriebenen soldatenspielerey und
die eines guten reiters.
noch mehr aber hat sich der ungarische Adel bey diesem Anlasse verrech-
net und seinen ersten groben politischen fehler seit 3 Jahren begangen, in-
dem er entweder zu viel oder zu wenig that, in einem einzigen falle könnte
er richtig gerechnet haben, und dieser wäre, wenn der kaiser sich in seiner
1 deckhengste.
2 Banderium – berittene Abordnung, etwa eines komitats.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien