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Oktober 1852
in die stadt zu ziehen, von heute an scheint sich die unfreundliche Jah-
reszeit einstellen zu wollen, und die Abende werden lange. von Wien aus
werde ich dann einige Abstecher nach lösch, nach grätz etc. unternehmen
und so den monath october hinbringen, was später geschieht, weiß ich
jetzt ebensowenig wie vor 14 tagen, ich warte auf einen Brief von gabri-
elle, um zu hören, wann sie ankömmt, wahrscheinlich in den nächsten ta-
gen.
trotz des scheinbar brillanten resultates der Anleihe sind die Papiere
dennoch eher im fallen als steigend, der sicherste Beweis für die kreditlo-
sigkeit der regierung, dazu kömmt auch noch eine große geldnoth, auch mir
sind diese dinge fühlbar, daher ein grund mehr, warum ich keine Projecte
machen kann.
das kaiserthum in frankreich scheint nun endlich ganz nahe vor der
thüre zu stehen, um so besser, man muß sich immer freuen, wenn eine
schlechte komödie so rasch als möglich durchgespielt wird, bis zum kriege
währt es dann auch nicht mehr lange, schon nergelt l. napoléon mit Bel-
gien auf die entschiedenste Weise und coquettirt auch zugleich mit Piemont,
übrigens lege ich auf dieses letztere keinen besondern Werth, mit uns wird
er sich gewiß, solange es nur irgend möglich ist, gut halten, und wir werden
ihm aufsitzen.
neulich war hier im theater eine außerordentliche vorstellung: faust,
classisch schön, aber ermüdend, davison gab den mephistopheles vortreff-
lich, ich sah da eine Jüdin: frau v. spitzer, die mir außerordentlich wohl
gefiel. im übrigen lebe ich fast ganz in der spaur’schen familie, obwohl sie
eigentlich Alle von sehr wenig ressourcen sind, vielleicht wäre clementine1
auszunehmen, en laquelle il paraît y avoir de l’étoffe.
Wien 9. oktober
ich blieb noch bis zum 6. in Baden, es waren sehr schöne, wenn auch etwas
kalte herbsttage, die ich fast fortwährend im freyen zubrachte. An einem
dieser schönen tage war ich in gainfahrn, da ich schuselka den versproche-
nen empfehlungsbrief für seine frau nach Paris überbringen wollte. seine
idee, eine periodische schrift herauszugeben, scheint so ziemlich unausführ-
bar zu seyn, was ich ihm auch sagte, die einzige Art, wie er wieder practisch
wirken könnte, ist die, hinaus in das Ausland zu ziehen, obwol selbst da die
verhältnisse bey weitem ungünstiger sind als vor 1848. die regierungen
sind jetzt solidarischer geworden als damals, sie fühlen, daß es ihnen allen
ans leben geht, das erklärt auch zum theile das sonst unerklärliche still-
schweigen und gehenlassen der liberalen, ja selbst der radikalen Parthey,
1 Gräfin Clementine Mocenigo, Tochter von Graf Johann und Gräfin Amalie Spaur.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien