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Tagebücher606
reise mit dem Zuge heinrichs iv. nach canossa, um barfuß und im Bü-
ßerhemde vor Pabst gregor vii. Abbitte zu thun! die entente cordiale ist
demnach gegenwärtig so ziemlich dort, wo sie vor der reise war, nämlich
auf null. inzwischen ist louis napoléon noch nicht anerkannt, und, wie ich
höre, hat rußland noch einige neuerliche Bedenken erhoben. ich halte die-
sen Augenblick für sehr bedeutend und auf lange Zeit entscheidend, wäre
ich kaiser franz Joseph und daher für die erhaltung des friedens und
stärkung des conservativen Principes interessirt, ich schlösse mich fest an
frankreich und träte den russischen machinationen in der türkey (welche
jetzt entschiedener als seit langer Zeit hervortreten) mit nachdruck entge-
gen. die Allianz der 3 nordischen mächte wirft l. napoléon in die Arme eng-
lands und der revolutionairen Parthey in allen ländern europas und drängt
ihn folglich gegen seinen eigenen Willen zum kriege, den niemand so zu
fürchten hat als die österreichische regierung bey ihrer inneren politischen
administrativen und finanziellen Zerrüttung.
mich beschäftigt diese sache sehr, ich sehe die keime großer umwälzun-
gen, die jetzt in den Boden gelegt werden und in 1, höchstens 2 Jahren auf-
schießen müssen, wie gesagt, wäre ich kaiser, so wüßte ich wohl, was ich zu
thun hätte, in meiner stellung bin ich ungewiß, was ich wünschen, was ich
fürchten soll. ich habe meine oben ausgesprochenen Ansichten in form einer
denkschrift zu Papier gebracht, als ein Programm, welches ich, wenn ich
dazu berufen wäre, dem kaiser, aber auch nur ihm, vorlegen würde, welches
ich aber jetzt in meinen kasten sperren werde, da es ein vergeblicher schritt
wäre, und ich nicht lust habe, ohne nutzen und erfolg mir russen und weiß
gott wen auf den hals zu hetzen. Advienne que pourra, je ne suis pas payé
pour désirer et contribuer à la consolidation de l’état des choses actuel. die
leute reißen sich selbst den Boden unter ihren füßen weg, soll man sie da-
von zurück halten und ihnen die mittel an die hand geben, damit sie ihre
Banditenregierung noch um einige Jahre länger fortführen können? denn
an eine friedliche umkehr aus besserer überzeugung ist bey ihnen nicht zu
denken. Also dahin ist es gekommen. Pessimismus und Augenzudrücken ist
das einzige, was noch vernünftig ist.
das englische cabinet mit dem hans dampf d’israeli ist über ein Budget-
votum und eine coalition im unterhause gestürzt, und ein coalitionscabinet
aus Peeliten, Whigs und radicalen (Aberdeen, russell, Palmerston, moles-
worth!) ist so eben gebildet. Also Palmerston wieder minister, wenn auch
dießmal des inneren! ich bin neugierig, wie sich die sache machen wird.
Auch in spanien ist ein versuchter staatsstreich mit einem eclatanten siege
der constitutionellen sache beendet worden,1 welche letztere auch in Preu-
1 der versuch der um wirtschaftliche reformen bemühten regierung unter Juan Bravo mu-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien