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Tagebücher612
gung unserer augenblicklichen lage eine entschiedene Ansicht gefaßt und
sie auch allenfalls (wie ich mir dieses jetzt aus mannigfachen gründen zur
gewohnheit gemacht habe) zu Papier gebracht habe, so geschieht ganz ge-
wiß und in nächster Zeit das gegentheil davon.
Wir stellen unter den Befehlen des Banus an der croatisch-türkischen
grenze ein corps von 5000 mann (cavallerie und linie, nicht grenzer1) auf,
die einen sagen: als cordon wegen der türkisch-montenegrinischen händel,
was ich aber aus 2 gründen nicht für wahrscheinlich halte: erstlich würden
dazu grenzer hinreichen, und zweitens sind jene händel und ihr schauplatz
von dem Aufstellungsorte croatien viel zu entfernt, um gebiethsverletzun-
gen fürchten zu müssen. Andere sagen, und dieses lautet viel wahrschein-
licher, es sey bereits der Befehl zum einrücken auf das türkische gebieth
gegeben. der sinn dieser Bewegung ist mir ganz klar: im rücken omer Pa-
schas, welcher mit großer energie auf montenegro losgeht und vielleicht in
diesem Augenblicke das räubernest schon occupirt hat, zu operiren und so
die Pforte zu den für die montenegriner günstigsten Bedingungen zu zwin-
gen, welche aber rußland, nicht wir, dictiren wird. Wir holen hier die ka-
stanien aus dem feuer für rußland, auf dessen Befehl wir handeln, und
welches zu entfernt ist, um bey der schnelligkeit omer Paschas rechtzeitig
selbst interveniren zu können. sic nos non nobis.
Also mit frankreich rußlands wegen überworfen, im schlepptaue dieses
letzteren, und von diesem gezwungen, in seinem, dem unsrigen diametral
entgegengesetzten, interesse handelnd aufzutreten, das sind die glänzenden
resultate unserer Politik.
Was diese nachricht, welche noch wenig bekannt ist, auf unsere Börse
und valuta für einen einfluß äußern wird, wollen wir sehen, letztere hebt
sich ohnedieß wieder langsam und stand heute schon wieder auf circa 10%.
im ganzen sind unsere industriellen und nationalökonomischen Zustände
trostlos, trostloser als sie es je gewesen. fabriken, gewerbe, Absatz, export,
Alles stockt und geht dem ruin entgegen, nur der Belagerungszustand und
die fortifikationsbauten floriren, hinter welchen der ritterliche kaiser seine
Angst verbirgt.
heute vormittags, als eben stifft bey mir war, kam fischer zu mir und
brachte das decret mit, welches er so eben erhalten hatte, und womit er in
den ruhestand versetzt wird und „aus gnade“ einen ruhegehalt von 2500
fl. erhält. ungerecht in der sache, denn er war gezwungen in staatsdienste
getreten und hat diesem eine einträgliche Praxis aufgeopfert,2 und zugleich
1 die regimenter aus der militärgrenze, dem unter eigener militär- und Zivilverwaltung
stehenden grenzgebiet zur türkei.
2 Alois fischer, seit 1828 Advokat in salzburg und 1848 reichstagsabgeordneter, war im Au-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien