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Tagebücher620
geschieht das gegentheil, und so erziehen die leute das volk, ohne es zu
wissen und zu wollen, ils se trompent de phiole – fata trahunt.
die gutgesinnten spießbürger zittern und werden (wie immer, wenn
sie Angst kriegen) schwürig. montenegro, die furcht vor dem kriege und
der mailänder krawall, der an den Jänner 1848 erinnert, sind ihnen in die
glieder gefahren. übrigens scheint mir die türkische Angelegenheit vor der
hand beygelegt zu seyn. Alle 4 mächte, oder doch wenigstens 3, wünschen
den frieden, und england und frankreich werden der Pforte mit macht zu-
reden, Alles zu thun, um jetzt einen krieg zu vermeiden. übrigens besteht
eine Verbindung zwischen Omer Pascha und den Engländern in Corfù, und
es sollen von da viele flüchtige ehemalige österreichische marineoffiziere zu
omer Pascha gegangen seyn.
das hätte ich mir auch nicht gedacht, daß ich, so sehr ich mich innerlich
altern fühle, dennoch noch meinen kleinen faschingsroman haben, ja so-
gar daß ich darüber eine gewisse wehmüthige Bewegung empfinden würde,
welche ich noch heute nicht recht los werden kann. und doch kam es so.
eine sehr interessante, geistvolle, liebenswürdige maske beschäftigte mich
während der drey letzten redouten und namentlich am faschingsdienstag
beynahe ausschließlich. Alles was ich sah und hörte: fuß, hand, Augen,
stimme, sprache waren vollendet schön, dazu eine nervöse elektrische lei-
denschaftlichkeit, die mich zugleich anzog und erschreckte, kurz, es kam zu
einem rendezvous im Prater. Was ich da zum ersten mahle sah, gefiel mir
weniger als ich erwartet hatte (ohne mir gerade zu mißfallen), zugleich sagte
ich mir, daß ich im Begriffe stehe de m’embarquer dans une affaire sérieuse,
doppelt ernsthaft wegen ihres characters, der an leidenschaftlichkeit und
Aufregung Alles überstieg, was mir bisher vorgekommen war, und erinnerte
mich an mein unstetes leben, welches ich ihr aufzuopfern nicht geneigt ge-
wesen wäre, kurz ich brach, mit allen möglichen ménagemens und unter Be-
rufung eben auf meine vagabundenexistenz, ab. da folgte denn eine leiden-
schaftliche scene des Abschieds, unter deren eindruck ich mich noch heute
einigermaßen befinde. es thut mir leid, daß ich sie verwundet habe, es thut
mir noch mehr leid, daß sie mir nicht so gefiel, wie ich es erwartet hatte, und
es ist mir ein trauriger gedanke, daß ich noch immer nicht zur ruhe kom-
men kann, so gerne ich auch möchte, wie eine Personification des Juif errant
treibt es mich in der Welt herum, um die leere meines lebens auszufüllen.
ich habe, goethes uneingedenk, meine sach’ auf eines gestellt, und dieses
eine flieht mich seit 4 Jahren, und ich kann sie auf nichts Anderes stellen.
hingenau hat mich diesen Abend in eine sitzung der geologischen reichs-
anstalt geführt, vorher besichtigten wir dieses wahrhaft grandiose etablisse-
ment. hierin, wie überhaupt in naturwissenschaften, medicin etc. wird hier
wirklich großes geleistet, hieher flüchten die denkenden köpfe und die wis-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien