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April 1853
so eben war fischer (der exstatthalter) bey mir und erzählt mir, daß der
stadthauptmann Weiss auf Allerhöchsten Befehl von seinem Posten ent-
fernt worden ist, eine schmutzige Polizeygeschichte, wo er mit kempen –
par nobile fratrum – im denunciiren und Provociren wetteifern wollte, hat
diesem elenden subjecte den hals gebrochen.1 ob nicht Bach hinter ihm
steckte, ist eine frage. diesen lassen ohnehin kempens lorbeeren (welche
freylich in letzterer Zeit etwas welk geworden sind) nicht schlafen, und ich
hörte schon, daß er sein ministerium mit dem der Polizey vertauschen solle.
Auch von veränderungen in italien etc. spricht man.
Welsch, leiter der hiesigen Buchhandlung tendler & c. und früher der
tendler’schen filiale in mailand, ist vor einigen tagen gestorben,2 er war
mit Allem, was ich 1841–1848 gethan, innig verknüpft, es war eine ehrliche
deutsche seele, in den letzten 3–4 Jahren habe ich ihn fast gar nicht mehr
gesehen.
[Wien] 7. April Abends
Wie zu erwarten war, hat der strenge und späte nachwinter auf einmahl
in ein beynahe sommerliches Wetter umgeschlagen, seit 5–6 tagen ist es
sehr warm, der schnee ist verschwunden, und die vegetation fängt an sich
zu regen. heute hatten wir 18° r. Wärme. Wie alljährlich im Beginne des
frühjahrs, so fühle ich mich auch jetzt nicht behaglich und leide an einge-
nommenheit des kopfes und schwindel.
übermorgen denke ich auf einige tage nach Pesth zu fahren, um ein Bis-
chen luft zu verändern, ohnehin bin ich schon seit Jahren nicht so lange
auf einem flecke gesessen wie dießmahl, und ich fühle das Bedürfniß der
locomotion. gegen den 15. soll Bruck wieder hier ankommen, und um diese
Zeit will auch ich wieder hier seyn, um es mit ihm auszumachen, ob ich ihn
nach Wimpffens Antrag nach constantinopel begleiten soll oder nicht.
im übrigen sind meine Projecte für die nächsten sechs monathe ziem-
lich gering, selbst wenn diese türkenfahrt zu stande kommt, dürfte sie
mich nicht viel über einen monath in Anspruch nehmen, sonst werde ich
den sommer über wahrscheinlich nicht viel unternehmen, da ich bey Zei-
ten, nämlich jedenfalls schon im september meine reise nach dem süden
und orient antreten will. nach Ansbach will ich aber noch einmahl vorher
1 Nach dem Tagebuch des Polizeiministers war Theodor v. Weiß „erbost über die offizielle
Behauptung, daß es in Wien demokratenklubs gebe, [und] warf die Äußerung hin, daß er
um eine andere Bestimmung bitten werde. mir sehr angenehm.“ (26.2.1853). Am 14. märz
vermerkte kempen, dass Weiß „mein vertrauen nicht mehr genieße und daß ich ihn los
werden möchte.“ das tagebuch des Polizeiministers kempen von 1848 bis 1859, eingel. und
hrsgg. v. Josef karl mayr (Wien–leipzig 1931) 281–284.
2 karl gustav Welsch starb am 24.3.1853 in Wien.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien