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August 1853
Abstraction von der gegenwart fordert und dazu kein unmittelbares prac-
tisches resultat gibt, passe ich nicht. Will sich einstens Jemand mit dieser
Aufgabe beschäftigen (und die Zukunft wird hiezu ein günstigeres terrain
biethen als die gegenwart), so wird er materialien genug in diesen tagebü-
chern und in meinen Papieren finden. Gerade über die practisch wichtigste
Zeit meines bisherigen lebens 1848–9 freylich am wenigsten. da wird er
die Quellen mühsam suchen müssen, meine Privatcorrespondenz mit den
faiseurs jener Zeit, wovon ich ungeschickter Weise keine Abschriften behal-
ten, die Archive der österreichischen staatskanzley etc.
[Wien] 13. August
meine krankheit geht entschieden aber besonnen vorwärts, und in 3–4
tagen will mich Wurm bereits als reconvalescenten nach Baden schik-
ken, wo mich die luft vollends heilen soll. gott sey dank, die sache hat
kürzer gedauert, als Wurm und auch ich es dachten. nur mit dem gehen
geht es noch ganz misérabel, und auch beym essen muß ich immer einen
kampf mit meinem unterleibe bestehen, welcher freylich im Abnehmen
ist, mich jedoch noch immer bedeutend anstrengt, der Appetit ist übrigens
eine Art von heißhunger zu nennen, ich denke fast bloß ans essen, die
drüsengeschwulst auf beyden seiten hat sich fast auf nichts reducirt, der
schnitt ist, wie ich behaupte, obwohl Wurm es nicht zugeben will, zuge-
heilt, da schon seit 3–4 tagen keine eiterung mehr statthatt, die damit
in verbindung stehende irritation des Bauchfelles und schmerzen und
Blähungen im unterleibe haben ebenfalls sehr bedeutend abgenommen,
obwohl sie noch nicht ganz verschwunden sind und mich eben beym essen
gêniren. ich bin Abends ein paar mahl im Burgtheater gewesen, um den
Abend hinzubringen, das hingehen (fahren soll ich noch weniger) dauerte
gegen eine viertelstunde. übrigens hatte ich hinreichend gesellschaft,
indem gabrielle jetzt 5–6 tage in der stadt war, und flore es beynahe
beständig ist.
die vermählung der erzherzogin marie henriette war am 10. und mor-
gen reist sie ab, mit einem sehr glänzenden cortége, sie wird einen 2tägigen
Besuch bey ihrem Bruder erzherzog stephan machen, aber dabey nur von
Adolf Schwarzenberg und Gräfin Clam begleitet seyn.1 der ganze hof ist
bereits oder geht in diesen tagen nach ischel.
1 erzherzogin marie henriette hatte am 10.8.1853 in Wien in Abwesenheit den belgischen
thronfolger (und seit 1865 könig) leopold herzog v. Brabant geheiratet, die trauung ad
personam erfolgte am 22. August in Brüssel. ihr Bruder erzherzog stefan war nach seinem
rücktritt als Palatin von ungarn am 25.9.1848 auf seine Besitzung schaumburg, ca. 50
km nordwestlich von frankfurt, übersiedelt. er war wegen seiner rolle in der ungarischen
revolution persona non grata am Wiener hof.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien