Seite - 141 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band III
Bild der Seite - 141 -
Text der Seite - 141 -
14122.
Oktober 1854
den er und wir Alle wohlgefällig schlürften. das war die folge dieser violen-
ten, daher innerlich schwachen regierung seit 5 Jahren, wir konnten und
können auf keine unserer Provinzen bauen, das fühlte die emigration sehr
wohl, als sie in england gegen das Bündniß mit uns eiferte, jetzt schweigt
sie und wartet, weil sie sieht, daß durch dieses Bündniß ihre hoffnungen
nicht vereitelt, sondern nur um ein geringes aufgeschoben worden sind.
und in der that, wo stehen wir jetzt? Am vorabende eines krieges mit
rußland und eines Zerwürfnisses mit Preußen und einem großen theile
deutschlands. in diesem kriege mit rußland aber ist für uns nichts zu
holen und viel zu verlieren. Polen erobern wollen wir nicht, die donaulän-
der haben wir schon, und überhaupt ist rußland nur auf einem Wege ein
empfindlicher Schlag beyzubringen, durch die Wiederherstellung Polens,
vor der wir uns hüten werden. die Westmächte aber, wenn sie sehen, daß
weder sebastopol, noch die crim, noch kronstadt tödtliche Wunden für
rußland sind, werden dieß vielleicht versuchen, was werden dann wir dazu
sagen?
kurz, ich sehe in dieser ganzen verwickelung eine menge möglicher
Wechselfälle, die von heute auf morgen jede combination umstürzen kön-
nen, für uns aber vor der hand gar kein wünschenswerthes Ziel, kein
objekt, auf welches hinzuoperiren der mühe werth wäre, es müßte denn
Preußen sich offen auf rußlands seite stellen, dadurch gewönnen wir ein
solches object: die Zertrümmerung jenes krebsschadens.
die moral der geschichte ist eben die, daß jede halbheit verderben
bringt, und eine solche ist es, wenn franz Joseph und nicolaus sich unter-
einander zerfleischen oder auch nur entzweyen, wer aber gegen das System
der knute von gottes gnaden ist (zum unterschiede der nationalen knute
l. napoléons), muß sich über diesen fehler seiner coryphaeen freuen, die
Politik solcher regierungen ist von den wahren interessen ihrer völker
meistens verschieden, jetzt aber ist bey uns zufällig der fall eingetreten,
daß Beyde vereint gehen, und das ist eben der fehler, den unsere regie-
rung, wie sie einmal ist, begeht.
von der Wahrscheinlichkeit, daß dieser krieg Jahre und Jahre dauern
werde, und den finanziellen Folgen desselben für uns, will ich gar nicht
sprechen.
Buol, der diese ganze sache von Anfang an mit einer entschiedenheit
und steadiness geführt hat, welche mich glauben macht, daß er jenen in-
nern Zwiespalt gar nicht ahnt, ist der sündenbock, auf welchem der ganze
haß der russen und ihrer hiesigen freunde ruht, und der diesen, wenn
sich einmal die Verhältnisse ändern sollten, entgelten wird. Bach als Pfif-
fikus bleibt im Hintergrund. Zu der russischen Partey aber zähle ich einen
großen, den größeren, theil der hiesigen Aristokratie (nicht den in den Pro-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band III
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- III
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 476
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien