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Tagebücher154
gottfried war die feyertage über hier, ein ganz vortrefflicher aber etwas
sehr monotoner Bursche, am heiligen Abende war ich eine halbe stunde bey
einem christbaumfeste bey … der Jüdinn todesco – ! – und am tage vorher
bey einer ähnlichen Weihnachtsbescheerung (die mich sehr interessirte) in
der mädchenschule am hundsthurm, deren vorsteherinn die schöne frau v.
neuwall ist.
[Wien] 4. Jänner 1855
das neue Jahr begann mit einem fürchterlichen sturme, welcher 2–3 tage
währte und besonders am 1. viele unglücksfälle herbeyführte. dazu und
seitdem vermischter schnee und regen, dabey aber noch immer warm,
koth, schmutz, aber kein Winter.
gabrielle ist schon seit 8 tagen wieder krank und bettlägerig, einen Au-
genblick ängstigte sie mich durch ihre furcht vor dem nervenfieber, doch ist
sie jetzt gottlob in der reconvalescenz.
die Alliirten, namentlich die engländer, deren Anstalten miserabel zu
seyn scheinen, leiden entsetzliches ungemach vor sebastopol, die russen
nicht minder, daher nun schon seit 6 Wochen beyderseits ziemlicher still-
stand.
Am 29. hat gortschakoff mit Buol und den gesandten der Westmächte eine
conferenz gehabt, worin ihm die friedensbedingungen, respective die diessei-
tige interpretation der 4 Punkte mitgetheilt wurden, il a jeté les hauts cris und
hat trotz seiner pleins pouvoirs die sache ad referendum genommen und 14
tage frist verlangt, nun schwanken natürlich die gerüchte und meinungen
hin und her, ich glaube fest an nichtannahme und krieg. An intriguen aller
Art fehlt es natürlich nicht, und die geschichte mit dem lloyd war eine solche.
die eisenbahnpacht ist unterzeichnet, und die erste rate von 30 millio-
nen franken wurde gestern gezahlt, ein tropfen ins meer. nichts hat mehr
eine Wirkung oder macht auch nur eindruck. Aber was für eine herrliche
Wirksamkeit wäre es, an der spitze der Administration dieser gesellschaft
zu stehen!
[Wien] 9. Jänner
Abermals eine neue Phase. rußland hat nun auch die interpretation der 4
Punkte, wie sie dem fürsten gortschakoff am 29. vorigen monats mitge-
theilt worden war, als Basis der zu eröffnenden friedensverhandlungen an-
genommen, und es wird daher nur noch auf die Zustimmung englands und
frankreichs gewartet, um diese unterhandlungen aufzunehmen. An dieser
Zustimmung aber (wenn auch vielleicht mit einigem vorbehalte) ist nach
dem, was bisher vorgegangen, nicht zu zweifeln, um so weniger als wir uns
officiell in diesem sinne ausgesprochen haben. ich halte das für nicht mehr
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band III
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- III
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 476
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien