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Jänner 1855
neritze ihr Wesen treiben, und der dietrichsteinsche derselben richtung,
nur specifischer österreichisch, d.h. dummer. Beyde wären daher, selbst
wenn ich überhaupt wollte, für mich verschlossen. meine stellung ist übri-
gens so, wie ich sie nur wünschen kann, keine spur des ehemaligen scheuen
Ausweichens mehr, ich aber halte zurück, eine cordialität, wie sonst, ist
jetzt nicht mehr möglich, auch nicht zu wünschen. übrigens ist der Abfall
vom hofe selbst unter der hiesigen Aristocratie (der letzten, die noch am kai-
ser und dem Absolutismus festhielt) allgemein. viele seiner antirussischen
Politik, die meisten der drohen [sic]a 1
[re]sultat der verhandlungen glaube ich jetzt ebensowenig als je.
neulich hatte ich eine tischschreibsoirée bey stéphanie esterhazy, wo ich
zum ersten mahle diesen hocus pocus sah, und der tisch ganz außerordent-
liche dinge sagte und schrieb, das ganze machte auf mich den eindruck
einer halb bewußten halb unwillkührlichen charlatanerie.
[Wien] 21. Jänner
gestern Abends ist königinn Adèle von sardinien gestorben, am friesel in
Folge des Kindbettfiebers, mit ihr ist wieder eine der Wenigen heimgegan-
gen, die, wenn auch aus der ferne, an mir und meinen schicksalen immer
warmen Antheil nahmen, jeder solche verlust thut weh, namentlich wenn
man wie ich daran gewöhnt ist, nur auf haß und Bitterkeit zu stoßen, mein
ganzes leben ist ein schauspiel vor einem feindseligen Publikum aufge-
führt, welches auf Blößen und fehler lauert, und vor dem man seine Wun-
den und seinen Zorn verbergen muß, um ihm den triumph nicht zu gönnen,
ein ewiges auf stelzen gehen, und dabey wird auch der härteste charakter
oft müde und matt und darf dieses nicht zeigen. heute sind es 2 Jahre, daß
fritz deym gestorben ist, auch er war einer jener Wenigen. gabrielle ver-
liert an der königinn ihre älteste und beste freundinn, sie war eine heilige,
ein edles Wesen, obwohl sie eine fürstinn war.
ich war gestern bey Buol, der mir sagte, der kaiser hätte ihm von mir
gesprochen und gesagt, daß er die frage wegen meiner verwendung sich
eben überlege, jedoch nicht die Absicht habe, mich im diplomatischen fa-
che zu beschäftigen. Damit entfällt nun jede weitere Einflußnahme von
seite Buols. Wenn ich die warme theilnahme, die er mir bey meinem ersten
Besuche zeigte, mit diesem allmäligen Zurückziehen vergleiche (denn ein
solches ist es offenbar), so kann ich mir nur denken, daß er entweder auf
eine unüberwindliche Abneigung von seite des kaisers oder auf entgegen-
a das folgende Blatt wurde aus dem tagebuch gerissen und ist verloren, vgl. auch eintrag v.
5.2.1855.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band III
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- III
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 476
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien