Josef Scheicher

Josef Scheicher (* 18. Februar 1842 in Lichtenhof bei St. Stefan ob Stainz; † 28. Mai 1924 in Wien) war ein österreichischer katholischer Priester und Politiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Josef Scheicher war der Sohn einer Bauernfamilie am Hof vlg. „Geidl“ im Ort Lichtenhof in der Weststeiermark. Mit 13 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung am Akademischen Gymnasium in Graz und wurde dort aufgenommen. Bereits im zweiten Jahr wechselte er in das bischöfliche Knabenseminar und trat einer deutschnational gesinnten Pennälerverbindung bei. Die Seminarausbildung beendete er vorzeitig, die Matura wollte er im Jesuitenkloster St. Andrä im Lavanttal nachholen. Das Noviziat in diesem Kloster wurde ebenfalls vorzeitig beendet, am Gymnasium der Franziskaner in Rudolfswerth im damaligen Krain konnte er die Matura nachholen. Danach trat er in das Priesterseminar St. Pölten ein und wurde 1869 zum Priester geweiht.

Ab 1872 studierte er katholische Theologie an der Universität Wien, 1875 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert.

Josef Scheicher wurde am 31. März 1924 in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof begraben.[1] Dieses Grab wurde 2012 von Vertretern seiner Heimatgemeinde St. Stefan ob Stainz renoviert.[2]

Tätigkeit

Nach der Priesterweihe 1869 arbeitete er als Kaplan (Kooperator) in Waidhofen an der Ybbs, dort begann auch seine politische Laufbahn. 1875 leitete er die Redaktion der Zeitschrift „St. Pöltener Bote“, ab 1879 war Josef Scheicher Professor für Moraltheologie im Priesterseminar in St. Pölten. Er war Prälat und Apostolischer Pronotar.

Von 1891 bis 1898 gehörte er dem St. Pöltener Gemeindeausschuss an, 1890 bis 1919 war er Abgeordneter zum Landtag, von 1897 bis 1909 auch des Niederösterreichischen Landesausschusses und zuletzt Mitglied der provisorischen Landesversammlung in Niederösterreich. 1894 bis 1918 gehörte Josef Scheicher dem österreichischen Reichsrat an, danach war er vom 21. Oktober 1918 bis zum 16. Februar 1919 Mitglied der provisorischen Nationalversammlung. Seine Arbeitsgebiete waren vorrangig das Gemeindewesen, das Gesundheitswesen und der Straßenbau. Er gründete eine Reihe von Volksbildungsvereinen und gab Publikationen zu sozialen Themen heraus. Seine Autobiografie „Erlebnisse und Erinnerungen“ umfasst sechs Bände.

Ein neugotisches Kirchenfenster der Pfarrkirche St. Stefan ob Stainz aus dem Jahr 1879 nennt als Stifter Josef Scheicher.[2]

Josef Scheicher wird einer der bedeutendsten Streiter für die christlichsoziale Bewegung genannt. Dass Niederösterreich zum Kernland der Christlichsozialen Partei wurde, soll zu einem großen Teil auf sein Wirken zurückzuführen sein.[2] Er unterstützte die sozialreformatorische Entwicklung Karl von Vogelsangs und die demokratische Selbstverwaltung der Gemeinden. Josef Scheicher wird auch als maßgeblicher Förderer des Antisemitismus in Niederösterreich beschrieben,[3] in seinen Reden kamen judenfeindliche Angriffe vor.

Werke

Die Werke Josef Scheichers sind in Bibliotheken teilweise auch unter der Namensvariante Joseph Scheicher verzeichnet.

  • Interessantes Priesterleben. 1923.
  • Arme Brüder. Ein Stück Zeit- und Kirchengeschichte. 1913.
  • Erlebnisse und Erinnerungen: 1. Aus der Jugendzeit. 2. Aus der Studienzeit. 3. Aus dem Priesterleben. 4.-6. Aus dem politischen Leben. 1907-1912.
  • Der Österreichische Klerustag. 1903.
  • Aus dem Jahre 1920. Ein Traum. St. Pölten, Verlag Gregora 1900.
  • Am Erkerfenster.Novellenkranz in zwei Bänden, 1879.
  • Ostmark-Geschichten. Gesammelte Erzählungen, Novellen und Humoresken 1898.
  • Praktisches Handbuch des katholischen Eherechtes. Freiburg im Breisgau, Verlag Herder, 4. Auflage 1891.
  • Compendium repetitorium theologieae moralis. Editio III. revisa. Wien, Verlag Fromme 1890.
  • Allgemeine Moraltheologie.1885.
  • Duchovenstvo a socialnl otazka. (tschechische Übersetzung von: Die Geistlichkeit und die sociale Frage.) Brünn: Benediktinerdruckerei. 1884
  • Der Klerus und die soziale Frage Innsbruck, Verlag Rauch 1884. 2. Auflage in fünf Sprachen übersetzt 1896.
  • Der Lichtenhofer. Ein Lebensbild aus den steyrischen Alpen. Wien, Verlag Kirsch, 1882.
  • Wählt nicht liberal! Ein Ruf an seine Landsleute. Wien 1877.
  • Jahrbuch des konstitutionellen Volks-Vereines für das Viertel Ober-Wiener-Wald. St. Pölten 1877 ff.

Literatur

  • Anton Szanya: Der Traum des Josef Scheicher: Staatsmodelle in Österreich 1880–1900. Studien-Verlag Wien 2009. ISBN 978-3-7065-4424-5
  • Werner Tscherne: Josef Scheicher – Kämpfer, Priester und Politiker. Ein steirischer Mitbegründer der Christlichsozialen Partei. Zu seinem 155. Geburtstag. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark. Graz, 1997. S. 215 ff.
  • Josef Kendl: Josef Scheicher, Priester und Politiker an der Schwelle einer neuen Zeit. Dissertation an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Salzburg. St. Pölten 1967.
  • Hedwig David: Josef Scheicher als Sozialpolitiker. Dissertation an der Philosophischen Fakultät Wien, 1946.
  • Alois Prinz von u. zu Liechtenstein: Bericht über die anläßlich der Fahnenweihe und 25-jährigen Jubelfeier des katholischen Arbeiter-Vereines für Niederösterreich am 31. Mai 1896 stattgefungene Festversammlung und Wiedergabe der von … Prinz Alois Lichtenstein und … Josef Scheicher gehaltene Festrede. Verlag Ambrosius Opitz, Wien 1896.

Einzelnachweise

  1. Friedhöfe Wien Gruppe 34. Erweiterung B. Reihe 3. Grab Nr. 15. Das Grabnutzungsrecht besteht auf Friedhofsdauer.
  2. a b c St. Stefan/Stainz: Der Seppi von Lichtenhof. Zum Gedenken an einen großen Stefaner. Wochenzeitung Weststeirische Rundschau. 85. Jahrgang, Nr. 11 vom 9. März 2012. Seite 15.
  3. Die Presse.com (Print-Ausgabe 12. März 2008): Vom Toleranzpatent bis 1938: Juden in Niederösterreich..