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Von Graz aus in die ganze Welt#

Von Josef W. Wohinz


Internationalität in der Technik-Entwicklung#

Das Joanneum wurde zwar als spezifische Einrichtung für das Land Steiermark begründet, aber bereits die Person ihres Gründers - Erzherzog Johann von Österreich - kann selbst als Beispiel für Weltoffenheit im weitesten Sinn gesehen werden.

Geboren in Florenz in der Toskana, aufgewachsen dortselbst sowie in Wien, eingebettet in eine Familie, die durchaus als übernational zu bezeichnen ist. Am deutlichsten – und mit heutigen Schwerpunkten der Technik in Graz in engster Beziehung – muß hier seine Reise nach England in den Jahren 1815/16 gesehen werden. Vier Jahre nach der Gründung des Joanneums unternahm Erzherzog Johann eine Studienreise, die wissenschaftliche wie industrielle Zielsetzungen gleichermaßen unterstützen sollte.


Internationalität durch Forschungsreisen#

Diese beispielhafte Einstellung Erzherzog Johanns war wohl auch eine hervorragende Ausgangsbasis für die weitere Entwicklung. Wissenschaftliche Lehre und Forschung sind grundsätzlich über regionalen und nationalen Grenzen zu sehen. Die Internationalität wird damit zu einem Wesensmerkmal der scientific community.

Franz Unger
Franz Unger (Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joannuem, Bild- und Tonarchiv, Graz)

Unter den ersten Lehrkräften an Joanneum ist in diesem Sinn Franz Unger (1800-1870) zu erwähnen. Er wurde am 30. November 1800 in Leutschach in der Steiermark als Sohn eines Beamten geboren (Vgl.: H. Leitgeb). Zunächst begann er ein Jusstudium, brach dieses aber ab und wandte sich dann dem Studium der Medizin, Chemie und Physik in Prag und Wien zu. 1827 promovierte er in Medizin und trat eine Stelle als Erzieher beim Grafen Colloredo-Mannsfeld an. Nach kurzer Tätigkeit als praktischer Arzt in Stockerau und Landesgerichtsarzt in Kitzbühel wurde er 1835 als Professor für Botanik und Zoologie an die Technische Lehranstalt am Joanneum in Graz berufen und trat die Stelle 1836 an. 1849 übersiedelte er als Professor der Botanik nach Wien, lebte aber ab 1868 wieder in Graz und verstarb hier am 13. Feber 1870.


Franz Unger unternahm ausgedehnte Forschungsreisen, die ihn 1852 nach Skandinavien, 1858 nach Ägypten, 1860 zu den Ionischen Inseln, 1862 nach Cypern und 1864 nach Dalmatien führten.
Unger begründete die Pflanzenphysiologie in Österreich und zählt zu den ersten bedeutenden Paläobotanikern der Welt. Für die 1833 erschienene Schrift "Die Exantheme der Pflanzen" (Über den Bau und das Wachstum des Diktotyledonenstammes) wurde er von der Petersburger Akademie ausgezeichnet; darüber hinaus wurde er unter anderem zum Ritter des mexikanischen Guadeloupe-Ordens ernannt.


Franz Unger ist also ein Beispiel, wie die Internationalität in der wissenschaftlichen Einstellung durch ausgedehnte Forschungsreisen zum Ausdruck gebracht wurde. Noch deutlicher ist eine Grundhaltung aber an Personen darzustellen, die von der Technik in Graz ausgehend, in anderen Ländern längerfristige Aufenthalte genommen haben.



Internationalität in Lehre und Praxis#

Hier sollen beispielhaft drei Wissenschaftler beschrieben werden, die im Bereich des Bauingenieurwesens tätig waren:

  • Philipp Forchheimer (1852-1933),
  • Karl (von) Terzaghi (1883-1963) und
  • Christian Veder (1907-1984)

Forchheimer, Ehrentafel
Ehrentafel für Philipp Forchheimer im Hauptgebäude der "Technik in Graz" (Foto: H. Tezak)


Philipp Forchheimer wurde am 7. August 1852 in Wien geboren (Vgl.: M. Ludescher). Er studierte am Technikum in Wien und an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich und erwarb dort das Diplom im Jahre 1873. Nach Tätigkeiten bei der Generalinspektion der österreichischen Eisenbahnen und bei der Fa. Hermann und Mannes wurde er 1882 Assistent an der Lehrkanzel für Wasserbau und Baukonstruktionslehre an der Technischen Hochschule Aachen.
Er wurde dort honorierter Dozent (1885) und erhielt den Titel eines Professors (1887). In den Jahren 1889-1890 war er als Professor an der kaiserlich-ottomanischen Ingenieurschule in Konstantinopel tätig. Über einen kurzen Aufenthalt an der Technischen Hochschule in Aachen wurde er 1894 zum Professor für Wasserbau und Enzyklopädie der Ingenieurwissenschaften an der Technischen Hochschule Graz berufen. Er wirkte hier bis zum Jahre 1914, und bekleidete im Studienjahr 1896/97 das Amt des Rektors.

Philipp Forchheimer starb am 2. Oktober 1933 in Dürnstein. Seine Arbeiten können mit Recht als international eingestuft werden. So beschäftigte er sich unter anderem mit "Englischen Tunnelbauten bei Untergrundbahnen sowie unter Flüssen und Wasserarmen" (1884), "Byzantinische Wasserbehälter von Konstantinopel" (mit Strzygowski) (1893), "Wasserversorgung von Yokohama und Tokio" (1893) und erstellte Gutachten über die Wasserversorgung in Triest, Brünn, Riga, Marburg, eine Hafenanlage in Triest, die Flußregulierung des Rheins in Vorarlberg und den Kanal von Wien über Mährisch-Ostrau nach Krakau.



Noch beeindruckender und stärker in der Beziehung zur Technik in Graz ist die persönliche Entwicklung von Karl (von) Terzaghi zu sehen (Vgl.: H. Brandl ).


Therzaghi, Ehrentafel
Ehrentafel für Karl von Therzaghi im Hauptgebäude der "Technik in Graz" (Foto: H. Tezak)

Karl (von) Terzaghi wurde am 2. Oktober 1883 in Prag geboren. Wenige Jahre nach der Geburt übersiedelte die Familie nach Graz. Nach dem Tod seines Vaters wurde sein Großvater als Vormund bestellt. Er war, wie Karl (von) Terzaghi in seinen Lebenserinnerungen schreibt, "ein erfahrener und sehr energischer Ingenieur von der alten Schule, der mit seiner starken, klaren Persönlichkeit und seinem aufrechten, männlichen Charakter die Entwicklung bis ins reife Mannesalter beeinflußte".


Nachdem ein Gesuch um Aufnahme in die k.u.k. Marine-Akademie infolge eines leichten Augendefektes abgewiesen wurde, maturierte Karl (von) Terzaghi an der Landes-Oberrealschule in Graz und begann "auf Wunsch der Eltern und ohne inneres Bedürfnis" an der Maschinenbauschule der Technischen Hochschule seine Studien.


"Während der nun folgenden vier Jahre war ich recht selten in den Hörsälen der Technischen Hochschule zu finden und kannte die meisten meiner Professoren nur dem Namen nach. Im Laufe der ersten zwei Jahre genoß ich die akademische Freiheit in ziemlich zügelloser Weise. Ich vernachlässigte meine Studien und kam infolge übermütiger Streiche wiederholt mit den Behörden in Konflikt. Einmal sah sich sogar das Professorenkollegium genötigt, verwarnend einzugreifen.

Trotzdem verdanke ich der Technischen Hochschule in Graz eine Fülle von Anregungen, die ich bis zum heutigen Tage noch nicht zur Gänze ausgeschöpft habe. Ich empfing sie im persönlichen und späterhin in regem brieflichen Verkehr mit zwei hervorragenden Mitgliedern des Lehrkörpers, den Professoren Forchheimer und Wittenbauer.

Von Forchheimer lernte ich die skeptische Einstellung zum Inhalt meines Wissens, die klare Fragestellung und die Sicherheit in der Beurteilung der relativen Bedeutung der Fehlerquellen bei der theoretischen Untersuchung von Vorgängen in der Natur. Wittenbauer, der in seiner Persönlichkeit den Forscher und den Künstler vereinte, wurde für mich zum Vorbild auf dem Gebiet der Lebensgestaltung."

Mit diesen Worten beschreibt Karl (von) Terzaghi unter dem Titel "Mein Lebensweg und meine Ziele" 1932 rückblickend seine Zeit an der Technik in Graz.


Nach Abschluß des Studiums 1904 setzte er 1905 das Studium der Geologie fort und promovierte 1911. Bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges war er für österreichische Firmen im In- und Ausland tätig. Die Kriegszeit verbrachte er als Fliegeroffizier des Heeres.


Therzaghi, Gedenkblatt
Gedenkblatt für Karl von Therzaghi (aufgelegt vom Institut für Bodenmechanik, Felsmechanik und Grundbau der TU Graz)

Im Herbst 1916 erhielt Karl (von) Terzaghi über Vorschlag von Professor Forchheimer vom Ministerium des Äußeren den Auftrag, eine Lehrstelle für Grundbau und Straßenbau an der kaiserlich-ottomanischen Ingenieur-Hochschule in Konstantinopel zu übernehmen. Durch den Zusammenbruch im Jahre 1918 praktisch mittellos, wurde Karl (von) Terzaghi vom amerikanischen Robert-College in Konstantinopel eingeladen, als Lehrkraft für Thermodynamik und Gasmaschinenbau zu supplieren. Er blieb bis zum Jahre 1925. Im August dieses Jahres erhielt er eine Einladung als Gastprofessor an das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Bosten, USA. Er blieb dort als Professor für Bodenmechanik und Grundbau bis 1929. In diesem Jahr übersiedelte er als Professor für Grundbau und Bodenmechanik an die Technische Hochschule in Wien und blieb bis zum Jahr 1938. In der Zeit von 1938 bis 1947 war er wieder von USA aus als Ingenieurkonsulent tätig. 1947 wurde er als Professor an die Harvard-Universität in Boston/Mass. berufen. Er emeritierte im Jahr 1956, hielt aber weiterhin Gastvorlesun-gen an mehreren Universitäten und seine Konsulententätigkeit führte ihn in alle Kontinente. Karl (von) Terzaghi starb kurz nach Erreichen seines 80. Geburtstages am 25. Oktober 1963 in Cambridge/Mass.



Christian Veder
Christian Veder (Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)

Christian Veder wurde am 20. Oktober 1907 in Wien geboren. Nach seiner Matura absolvierte er das Studium des Bauingenieurs an der Technischen Hochschule in Wien und schloss 1931 mit der 2. Staatsprüfung ab. In den Jahren 1931 bis 1933 war er an der Lehrkanzel für Grundbau und Bodenmechanik unter der Leitung von Professor Terzaghi beschäftigt. In diese Zeit fällt seine Promotion (1932). 1933 übersiedelte er als Mitarbeiter der Fa. Rodio nach Mailand und errichtete dort das erste Bodenmechanik-Labortorium in Italien. Nach intensiver Forschung, verbunden mit praktischer Erfahrung an zahlreichen Tiefbaustellen, gelang es ihm, die hervorragenden Eigenschaften von Betonitsuspension als Stützflüssigkeit bei Gründungsarbeiten zu analysieren und die optimalen Voraussetzungen für Ihre Anwendung zu definieren.


1938 übersiedelte Veder zur Fa. Innerebner & Mayer nach Innsbruck und blieb dort, unterbrochen durch Kriegseinsatz, bis 1948. In dieser Zeit kam ihm bei Sondierungsarbeiten zum ersten Mal die Idee der Schlitzwandbauweise. 1948 kehrte Veder als Technischer Direktor der Fa. ICOS (Impresa Costruzioni Opere Spezializzate) nach Mailand zurück und war in den folgenden sechzehn Jahren bei Großprojekten in allen Kontinenten tätig. Unter seiner Leitung entstanden die erste Schlitzwand für ein Ausgleichsbecken am Volturno nahe Neapel und in Kanada die mit 131m besonders tiefe Dichtungsschürze für den Manicuagan-Damm.


Im Jahre 1964 erfolgte seine Berufung zum Professor an die Technik in Graz. Er baute das neugeschaffene Institut für Bodenmechanik, Felsmechanik und Grundbau auf und leitete es bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1978. Er blieb weiterhin Berater bei Großbaustellen wie World Trade Center in New York, U-Bahn-Bau in Mailand, Berlin, Paris, London, Boston, Washington, New York, Tokyo und Wien; er erstellte auch ein Konzept für die Sanierung des Schiefen Turmes von Pisa.


Christian Veder verstarb am 19. November 1984 in Wien und ging als Erfinder der sog. Schlitzwandbauweise in die Technik-Geschichte ein. Über die Internationalität hinaus, fällt die enge Verbindung zwischen wissenschaftlicher Forschung und praktischer Anwendung bei den zuletzt beschriebenen Persönlichkeiten besonders auf.




Internationalität durch Unternehmerpersönlichkeiten#

Im Sinne des gewählten Schwerpunktes sollen im folgenden noch drei Persönlichkeiten gewürdigt werden, die über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus die industrielle Entwicklung als eigenständige Unternehmer wesentlich beeinflußt haben:

  • Luis Zuegg (1876-1955)
  • Martin Hilti (1915-1977)
  • Hans List (1896-1996)


Luis Zuegg
Luis Zuegg (Foto: Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum, Bild- und Tonarchiv, Graz)

Luis Zuegg (eigentlich Alois Karl Zuech) wurde am 26. April 1876 am Steinbogen-Hof, später Zagler-Hof, in Mitterlana nahe Meran geboren (Vgl.: A. Innerhofer). Er absolvierte nach der Volksschule das Benediktinergymnasium in Meran und bestand nach seiner Matura darauf, die Technische Hochschule in Graz besuchen zu dürfen. Nachdem er, wie vielfach üblich, in verschiedenen Disziplinen herumgeschnuppert hatte, entschied er sich schlußendlich für das Studium der Elektrotechnik.


So begann Luis Zuegg 1898 sein Hochschulstudium. Professor Albert von Ettingshausen, dessen Vorlesungen er ab dem zweiten Studienjahr mit vorzüglichem Erfolg besuchte, wurde zu seiner wichtigsten Bezugsperson in dieser Zeit. Das noch neue Fach der Elektrotechnik begeisterte den Studenten Zuegg ganz besonders. So war er drei Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Lehrkanzel von Professor von Ettingshausen tätig. In dieser Zeit hatte er - mit Erlaubnis seines Vorgesetzten - dessen Vorlesungen fein säuberlich mitgeschrieben, sie in Steindruck vervielfältigt und als Skripten an seine Kollegen verkauft. Es waren drei Bände mit insgesamt 720 Seiten. Auf diese Weise finanzierte er sein gesamtes Hochschulstudium und ließ bereits ein ausgeprägtes wirtschaftliches Talent erkennen. 1901 übernahm er als Nachfolger des mit ihm enger befreundeten Ingenieurs Franz Pichler eine dreijährige Assistentenstelle bei Professor von Ettingshausen. Zur selben Zeit war an dieser Lehrkanzel auch Ingenieur Otto Nussbaumer als Assistent beschäftigt, der durch die von ihm 1904 erste drahtlose Musikübertragung Berühmtheit erlangte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Luis Zuegg an der im Laboratorium gelungenen ersten Radioübertragung aktiv teilgenommen hat.


Nach Abschluß seines Studiums kehrte er 1903 im Alter von 27 Jahren voll Unternehmergeist in seine Heimat nach Lana zurück. Im selben Jahr begann er mit der Errichtung eines Elektrizitätswerkes. Die Maschinen dazu lieferte im Franz Pichler, sein Freund aus früheren Studientagen, der nach dem Tode seines Vaters seine Universitätskarriere abzubrechen und eine Kunstmühle zu übernehmen hatte; er baute sie schrittweise in eine Fabrik für Elektromaschinen um und legte damit den Grundstein für die späteren ELIN-Werke. Im Jahre 1907 wurde unter Luis Zuegg’s Leitung eine Braunpappenfabrik fertiggestellt, deren Betrieb 1908 voll aufgenommen wurde.


Neben der Errichtung einer Straßenbahn von Lana nach Meran (1906) beschäftigte sich Luis Zuegg (ab 1909) mit der Errichtung einer Seilschwebebahn von Lana auf das Vigiljoch. Er bekam den Auftrag zunächst nicht, wurde aber nach Auftreten schwerer Mängel bei der ausgeführten Anlage hinzugezogen und führte die notwendigen Änderungen durch. So konnte am 31. August 1912 die Eröffnung stattfinden. Im darauffolgenden Jahr 1913 wurde die Trambahn Oberlana-Burgstall, an deren Bau Luis Zuegg ebenfalls maßgeblich beteiligt war, ihrer Bestimmung übergeben.

Luis Zuegg, Ehrentafel
Ehrentafel für Luis Zuegg im Hauptgebäude der "Technik in Graz" (Foto: H. Tezak)
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Luis Zuegg 1914 als Landsturmingenieur eingezogen und im Seilbahnwesen eingesetzt. Er führte unterschiedliche Kriegsseilbahnen im Pustertal, auf das Stilfser-Joch sowie im Trentiner Gebiet aus. Zuegg wurde Sachverständiger für das Seilbahnwesen an der Südfront und realisierte Projekte mit bis dahin nicht für möglich gehaltenen technischen Leistungsdaten. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde eine Reihe von Seilbahnprojekten in Italien von ihm selbst ausgeführt; nach dem System Bleichert-Zuegg wurden weitere Projekte in vielen Ländern Europas errichtet.


In Anerkennung seiner Verdienste "für die Entwicklung eines Systems, das fast für alle Personenseilschwebebahnen Anwendung fand", wurde ihm von der Technischen Hochschule in Graz am 14. Juli 1948 der akademische Grad eines Doktors der technischen Wissenschaften ehrenhalber verliehen. Am 14. Jänner 1955, im Alter von 78 Jahren, verstarb Luis Zuegg während eines Aufenthaltes in seiner Villa Storietta in Bordighera. Am 25. Februar 1980 schließlich wurde in der Technischen Universität Graz eine Gedenktafel für diesen international tätigen Seilbahnpionier enthüllt.



Auf einem anderem Gebiet, aber als Unternehmer international höchst erfolgreich, verlief die persönliche Entwicklung von Martin Hilti (Vgl.: HILTI). Er wurde am 8. Mai 1915 in Schaan/Fürstentum Liechtenstein geboren. Von 1926 bis 1930 besuchte er das humanistische Gymnasium Stella Matutina in Feldkirch/Vorarl¬berg; von 1930 bis 1933 das Gymnasium mit technischer Richtung in Schwyz/Schweiz.


Martin Hilti
Martin Hilti (Archiv HILTI AG)
1933 übersiedelte Martin Hilti nach Graz, um an der Technischen Hochschule das Studium der Geodäsie und Mathematik zu beginnen. Er schloss mit der Diplomprüfung in Angewandter Mathematik 1937 ab und setzte in den folgenden zwei Jahren mit einem Studium in Maschinenbau an der Ingenieur-Schule in Wismar/Deutschland fort.


Im Dezember 1941 stieg Martin Hilti in eine mechanische Werkstätte ein, die 1936 von seinem Bruder Eugen in Schaan gegründet worden war und zu diesem Zeitpunkt fünf Mitarbeiter umfaßte. In den Jahren 1940 bis 1945 wurde Lohnfertigung für die schweizerische Textilindustrie und die deutsche Automobilindustrie durchgeführt; bis 1948 wurde auf Komponentenfertigung ausgeweitet. In dieser Zeit kam Martin Hilti erstmals mit einer Idee in Berührung, die auf eine Erfindung des Briten Robert Temple aus dem Jahre 1918 zurückging. Er hatte ein gewehrartiges Gerät entwickelt, mit dem man unter Wasser Stahlbolzen in Schiffswände schießen konnte. So konnten Stahlplatten auf die Leckstellen gesunkener Schiffe genagelt und diese anschließend mit Luft gefüllt und gehoben werden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Robert Temple’s Idee in Amerika wieder aufgegriffen; die ersten Schußmontagegeräte gelangten im Zuge des Wiederaufbaues nach Europa und wurden auf dem Bau verwendet.


Martin Hilti erkannte die Vorteile, aber auch die Nachteile dieses Verfahrens, und machte sich unverzüglich an die Weiterentwicklung. Er kaufte dazu die gültigen Rechte und existierenden Patente und begann 1950 mit der Herstellung von eigenen Prototypen. In diesem Jahr wurde das erste selbstentwickelte Schußgerät auf den Markt gebracht und damit in der Befestigungstechnik ein neues Kapitel aufgeschlagen. In den folgenden Jahren wurde in intensiven Forschungen das Schubkolbenprinzip marktreif gemacht und 1957/58 erfolgreich eingeführt. Gleichzeitig erfolgte die Gründung mehrerer Marktorganisationen in den wichtigsten europäischen und überseeischen Ländern. Damit hatte das Unternehmen den Wandel von einer produktorientierten zu einer marktorientierten Einheit vollzogen. Heute ist die Hilti-Gruppe weltweit tätig. Ein eigener Direktvertrieb übernimmt den Verkauf der Produkte, das Service und die Beratung in über hundert Ländern auf der ganzen Welt.


Die Technische Universität Graz verlieh Martin Hilti den akademischen Grad Doktor der Technischen Wissenschaften ehrenhalber am 26. November 1982. Er verstarb am 19. August 1997.



Als dritte Persönlichkeit, mit der die Entwicklung eines herausragenden Wissenschaftlers und international überaus erfolgreichen Unternehmers nachgezeichnet werden kann, wird hier auf Hans List eingegangen (Vgl.: H. List ). Nach seinem Studium des Maschinenbaues an der Technik in Graz war er zunächst einer der großen akademischen Lehrer auf dem Gebiet der Motorentechnik; danach setzte er als Unternehmer seine Ideen so konsequent um, daß heute die Motorenentwicklung wohl auf der ganzen Welt durch seine Persönlichkeit beeinflußt wird.


Hans List wurde am 30. April 1896 in Graz geboren. Sein Vater war Eisenbahningenieur, Bauunternehmer und zuletzt Landeseisenbahndirektor. So wuchs Hans List in einer großbürgerlich geprägten Familie auf. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wollte er gleich einrücken, auf Anraten seines Vaters absolvierte er aber ein erstes Semester an der Technischen Hochschule Graz. Im Februar 1915 meldete er sich als Einjährig-Freiwilliger zur Artillerie und wurde an der russischen und italienischen Front eingesetzt.


Ab Juni 1918 konnte Hans List seine Studien zunächst vorübergehend, nach Ende des Krieges wieder vollständig aufneh-men. Bereits 1920, d.h. nach insgesamt drei Jahren Studium legte er die zweite Staatsprüfung ab. Dazu war eine Sondergenehmigung des Ministeriums notwendig, da die reguläre Studienzeit damals vier Jahre betrug.


Es war jene Zeit in der unter Professor Julius Magg die Dieselmotorenentwicklung als besonderer Forschungsschwerpunkt begründet wurde. Nach Studienabschluß trat Hans List als Konstrukteur für große Dieselmotoren bei der Grazer Waggon- und Maschinenfabrik ein. In seiner Freizeit begann er selbstgewählte Forschungsarbeiten; daraus entstand seine Dissertation "Die Regulierung von Dieselmotoren", die er 1924 bei Professor Julius Magg einreichte.

Mitteilungen, Tongji-Universität
Heft 1 der Mitteilungen an der Tongji-Universität (Hans-List-Archiv, AVL)
Aufgrund der schwierigen mathematischen Lösungsansätze wurde zur Begutachtung auch Professor Bernhard Baule hinzugezogen; beide Herren gaben eine positive Beurteilung ab und damit konnte das Promotionsverfahren erfolgreich abgeschlossen werden.


Knapp danach wurde in den VDI-Nachrichten für die Tongji-Universität in der Nähe von Shanghai/China ein Dozent für Maschinenbau, insbesondere Verbrennungskraftmaschinen, gesucht. Hans List bewarb sich um diese Stelle, und im Herbst 1926 trat er mit seiner Frau die Reise von Genua aus an. Hans List und seine Familie, die um zwei Kinder erweitert wurde, blieben bis zum Jahre 1932 dort. In diesem Jahr kehrte er nach Europa zurück, um an der Technik in Graz die Nachfolge nach dem verstorbenen Professor Julius Magg anzutreten. Zusammen mit seinen Mitarbeitern, den späteren Professoren Egon Niedermayer und Anton Pischinger, führte er zahlreiche grundlegende Forschungsarbeiten durch. Dabei wurde das Prinzip verfolgt, die komplexen innermotorischen Vorgänge auf die entscheidenden physikalischen Abläufe zu reduzieren und diese einer mathematischen Formulierung zuzuführen. Diese Berechnungen wurden stets mit Messungen an Motoren oder an speziell konstruierten Versuchseinrichtungen verglichen.


Im Jahre 1941 folgte Professor Hans List einem Ruf an die Technische Hochschule Dresden, um dort die Dieselmotorenforschung weiter voranzutreiben. Wichtige Projekte, unter anderem für die Leistungserhöhung von Flugmotoren, den Einsatz von Gasturbinen für Flugtriebwerke, die Verwendung von Wasserstoff als Motorentreibstoff wurden aus aktuellen Anlässen heraus bearbeitet.

List / Zimmermayer / Pischinger
Hans List (Mitte) mit Egon Zimmermayer (links) und Anton Pischinger (rechts) (Hans-List-Archiv, AVL)
Die Bombardierung Dresdens und das Ende des Zweiten Weltkrieges setzten diesen Aktivitäten ein dramatisches Ende. Nach Überbrückungsarbeiten für die amerikanische Wehrmacht kehrte Hans List nach Graz zurück. Hier gründete er im Jahre 1946 mit den Professoren Egon Niedermayer und Anton Pischinger eine Arbeitsgemeinschaft zur Entwicklung von Verbrennungsmotoren. Der erste Auftrag an diese Arbeitsgemeinschaft war die Entwicklung eines robusten Industriemotors für die Jenbacher-Werke. Dieses Projekt war so erfolgreich, daß mit den Lizenzgebühren die inzwischen gegründete "Anstalt für Verbrennungsmotoren Prof. Dr. Hans List AVL" ausgebaut werden konnte. Es folgte die Entwicklung eines ebenfalls sehr erfolgreichen Dieselkompressors. 1952 konnten bereits eigene Prüfstände und Bürogebäude errichtet werden. Damit war es möglich, weitere Entwicklungsaufträge zu übernehmen: für die Jenbacher-Werke, für Steyr-Daimler-Puch und zahlreiche ausländische Unternehmungen. Damit war der Entwicklungsweg der AVL zur weltweit größten Unternehmung für Motorenentwicklung vorgegeben und wird seither ebenso erfolgreich beschritten.


List, Ehrentafel
Ehrentafel für Hans List in der Neuen Technik (Foto: H. Tezak)


Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Hans List zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. Die Technische Hochschule Graz verlieh ihm das Doktorat der technischen Wissenschaften ehrenhalber am 14. Dezember 1963. Hans List verstarb - kurz nach Vollendung seines 100. Lebensjahres - am 10. September 1996.







Internationalität als Selbstverständnis#

Neben den angeführten singulären Beispielen international orientierter Einstellung in der Vergangenheit hat gerade die jüngste Entwicklung zu dieser heute wichtigen Grundhaltung auch günstige institutionelle Rahmenstrukturen geschaffen.

So unterhält die Technik in Graz derzeit Kooperationen mit den folgenden Universitäten:

Volksrepublik China:

  • Tongji University, Shanghai (12.05.1998)

Deutschland:

  • Technische Hochschule Darmstadt, Damstadt (15.06.1985)

Indien:

  • Rizvi College of Architecture, Bombay (27.03.1995)

Indonesien:

  • Institut Teknologi Bandung, Bandung (11.07.1997)

Rumänien:

  • Universitatea "Politehnica" din Timisoara, Temesvar (01.02.1994)

Russische Föderation:

  • St. Petersburg State Technical University, St. Petersburg (18.02.1985)

Slowenien:

  • Universität Maribor, Maribor (07.03.1985)

Ungarn:

  • Technische Universität Budapest, Budapest (11.11.1976)

Vereinigte Staaten:

  • Johns Hopkins University, Baltimore, Maryland (13.01.1993)
  • Southern Illinois University, Carbondale, Illinois (26.11.1985)

Universitäre Kooperationspartner
Universitäre Kooperationspartner der "Technik in Graz"


Darüber hinaus bestehen Verträge als Joint-Study-Programme mit den folgenden Universitäten:

Australien:

  • University of Queensland, Brisbane (14.08.1995)
  • Royal Melbourne Institute of Technology, Melbourne (30.04.1995)
  • The University of Sydney, Sydney (14.02.1996)

Kanada:

  • University of Calgary, Calgary, Alberta (28.10.1993)

Schweiz:

  • Eidgenössische Technische Hochschule - ETH, Zürich (22.04.1993)

Vereinigte Staaten:

  • Johns Hopkins University, Baltimore, Maryland (13.01.1993)
  • North Carolina State University, Raleigh, North Carolina (08.03.1993)



Schließlich ist die Technische Universität Graz fest eingebunden in das europäische SOCRATES-Programm. Auf dessen Basis sind für das Studienjahr 2001/2002 bilaterale Verträge mit ca. 130 Universitäten in praktisch allen europäischen Ländern abgeschlossen und dienen als Plattform für den Austausch von Studierenden wie von WissenschaftlerInnen.


Damit wird auf überzeugende Weise realisiert, was im aktuellen Leitbild der Technik in Graz festgehalten ist: "Internationalität gehört zum Selbstverständnis der Technischen Universität in Graz".



Literaturhinweise:#

  • BRANDL, Heinz: 100 Jahre Prof. Dr. Dr.h.c. mult. Karl v. Terzaghi, in: Mitteilungen für Grundbau, Bodenmechanik und Felsbau, Heft 2, Technische Universität Wien, 1983/84, S. 11-55
  • EDLINGER, Maria: Internationale Aktivitäten, in: Technische Universität Graz (Hg.): Bericht 1997/98, Graz 1998, S. 60-61
  • HILTI Aktiengesellschaft (Hrsg.): Martin Hilti, Zum 80. Ge-burtstag, Schaan 1995
  • INNERHOFER, Albert; STAFFLER, Reinhold: Stählerne Stege, Der Seilbahnpionier Luis Zuegg, Bozen 1996
  • LEITGEB, H.: Franz Unger, Gedächtnisrede, in: Mitteilungen des naturwissenschaftlichen Vereines für Steiermark, Graz 1870
  • LIST, Hans: Meine Erinnerungen, Graz 1994
  • LUDESCHER, Marcus: Das wissenschaftliche Personal an der TU Graz. Teil 1: Von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg (TUG-Projektdokumentation), Graz 1995
  • o.V.: Prof. Dr. Christian Veder, in: Mitteilungen für Grundbau, Bodenmechanik und Felsbau, Heft 2, Technische Universität Wien, 1983/1984, S. 7-8
  • PISCHINGER, Rudolf: Hans List, Nachruf, in: Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 147. Jahrgang (1996/97), Wien 1998, S. 435-444
  • TERZAGHI, Karl von: Mein Lebensweg und meine Ziele, Manuskript, Wien 1932




© Text und Bilder: Josef W. Wohinz