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Zwischen Brandhof und Puchwerk#

(Ein erster Themenbogen zur laufenden Arbeit)#

von Martin Krusche

"We recognize that we are collective agents of history and
that history cannot be deleted like web pages.“

(Angela Davis, 21.1.2017)

Manchmal läßt sich im Rückblick genau sagen, wann eine neue Ära begonnen hat. Der Mai 1859 steht für solche Klarheit. In der ersten Hälfte jenes Monats verstarb erst Alexander von Humboldt, dann Johann von Österreich. Da haben Leben geendet, von denen erhebliche Impulse ausgingen. Mit Erzherzog Johann hatten sich Denken und Handeln in der Steiermark verändert, mit Humboldt jenes der westlichen Welt. Durch diese beiden Männer und ähnliche Persönlichkeiten war ein neues Zeitalter angebrochen, wie heute gerade eines endet, da sich Donald Trump und Konsorten im Lauf der Dinge hervortun.

Der Brandhof (J. F. Kaiser - lithographirte Ansichten der Steyermärkischen Städte, Märkte und Schlösser Graz, 1825, GLAM-project Bookscanning)
Der Brandhof (J. F. Kaiser - lithographirte Ansichten der Steyermärkischen Städte, Märkte und Schlösser Graz, 1825, GLAM-project Bookscanning)

Damit meine ich, das Denken des Weltreisenden einerseits, und des Steirischen Prinzen andrerseits, ist streckenweise sehr gründlich dokumentiert, wie auch ihr Handeln. Beides stand in erheblichem Kontrast zu den gerade herrschenden Verhältnissen. Im Rückblick sehen wir, wohin das geführt hat. Die Auswirkungen waren gravierend und bieten uns bis heute Inspiration.

Ich hab in „Herr Turner und die Temeraire“ (link) skizziert, welche markanten Ereignisse aus der Geschichte heraus Wegmarken ergeben, um uns in der Arbeit am Projekt Mensch und Maschine in einem größeren Zeitfenster zu orientieren. Das meint etwa die Seeschlacht von Trafalgar und die daher angeregte Kontinentalsperre Napoleons gegen England.

Das meint ferner den verheerenden Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora und die davon ausgelöste weltweite Klimakatastrophe mit ihren Mißernten und Hungersnöten, von denen auch Europa heimgesucht wurde. Das sind nur einige der Kräftespiele, in denen England erst einmal zur führenden Industrienation der Welt wurde.

Eine Konsequenz der Industriellen Revolution, in welcher James Watt mit seiner Verbesserung der Dampfmaschine entscheidende Impulse gegeben hat. Jener James Watt, den Erzherzog Johann auf einer seiner England-Reisen besuchen durfte, da er Know how gesucht und gesammelt hat, um die damals völlig rückständige Steiermark in neue Verhältnisse zu bewegen.

Ich habe mich oft gefragt, warum gerade England in diesen Entwicklungen so exponiert sein konnte. Die Inselsituation und eine Reihe belastender Momente könnten dabei entscheidend gewesen sein. Jared Diamond bietet in „Arm und Reich“ (Die Schicksale menschlicher Gesellschaften) eine Erklärung an, indem er die „Innovationsbereitschaft von Gesellschaften“ betont, nachdem er gefragt hatte: „Warum waren immer Eurasier die Erfinder?

Er geht von ansteigender Mühsal aus, von all den Arten Drangsal, denen eine Gesellschaft ausgesetzt sein mag. Man könnte es – polemisch verkürzt – für eine Frage des Leidensdruckes halten. Diamond: „Irgendjemand kommt schließlich auf eine Lösung, die der bisherigen, unbefriedigenden Technik überlegen ist.“

Danach nennt er eine interessante Bedingung: „Sofern sie nicht kulturellen Werten widerspricht oder mit anderen Techniken inkompatibel ist, wird diese dann von der jeweiligen Gesellschaft übernommen.“

Erzherzog Johann hat sich in agrarischen und technischen Fragen engagiert. Sein Brandhof wie auch die Herrschaft Stainz stehen für Neuerungen in der Landwirtschaft, deren Hauptaufgabe ja darin lag, den Hunger zu bannen, dabei vor allem die Menschen durch den Winter zu bringen. Den Mangel abschaffen und die Not bändigen. Wir kennen diese harte Anforderung derzeit kaum.

Mit seinen Vordernberger Radwerken wurde Johann zum Stahlproduzenten, selbst ein Weingut in dar Untersteiermark, heute slowenisches Staatsgebiet, gehörte zu seinen Unternehmungen. Auch im Verkehrswesen fand er Aufgaben. Das Universalmuseum Joanneum und die Technische Universität Graz gehen auf seine Tätigkeit zurück.

Das bedeutet unter anderem, Erzherzog Johann hat vieles gedacht und gemacht, was über die Auffassungen und Denkweisen der Feudalzeit hinauswies, über das Menschen- und Weltbild der vorherrschenden Eliten seiner Zeit. Er steht exemplarisch für jene Ära des Umbruchs, in der sich die Erste Industrielle Revolution vollzogen hat. (Alexander von Humboldt verkörpert noch radikaler jenen neuen Typus im Zugang auf die Welt.)

Alexander von Humboldt (Public Domain)
Alexander von Humboldt (Public Domain)
Erzherzog Johann (Public Domain)
Erzherzog Johann (Public Domain)
Johann Puch (Public Domain)
Johann Puch (Public Domain)

Die Zweite Industrielle Revolution bildete sich beispielhaft im Betrieb eines vormals slowenischen Keuschlerbuben ab, der es zum populärsten Fabrikanten der Steiermark gebracht hat. Janez Puh, später Johann Puch, errichtete am südlichen Rand von Graz sein Stammwerk. Dort ließ er noch vor dem Ersten Weltkrieg jene Halle bauen, in deren authentischem Restbestand heute das Johann Puch Museum Graz eingerichtet ist.

Genau diese Halle, einst etwa doppelt so lang, war errichtet worden, um neue Produktionsweisen zu ermöglichen. Es ging im Kern um Automaten und Halbautomaten, mit denen größere Stückzahlen von Komponenten in gleichbleibender Qualität hergestellt werden konnten.

Es ging ferner um eine lineare Anordnung im Fahrzeugbau, also um Vorboten der Fließbandproduktion. Serienfertigung bei zunehmender Automatisierung, das sind wesentliche Merkmale der Zweiten Industriellen Revolution.

Als drittes Großereignis in diesen Konsequenzen der „Großen Transformation“ (Karl Polanyi: „Great Transformation“) gilt die Digitale Revolution. Damit bin ich nun schon in unserer Projektgegenwart angelangt, denn Wissenschafter Hermann Maurer ist selbst stellvertretend für jene Denker und Handelnden von internationalem Rang, durch welche diese Dritte Industrielle Revolution vorankam.

Wir dürfen uns eventuell als Humboldts Urenkel verstehen, wenn wir an der Schwelle zur nun Vierten Industriellen Revolution nach teilweise unüblichen Zugängen suchen, nach Denkweisen, die es uns erlauben, jetzt wenigstens einmal gute Fragen zu stellen.

Wo andere schon großspurige Feststellungen ausposaunen, sind wir – neben dem Blick auf historische Zusammenhänge – vorerst einmal mit der Suche nach guten Fragen befaßt. Eben deshalb lautet ein Veranstaltungstitel (Link) bei unseren Schritten in die Praxis derzeit: „Wir haben alle zu wenig Phantasie“ (Über die Zukunft, die Technik und was eine gute Frage sei.)

Lassen Sie uns etwas über die Innovationsbereitschaft unserer Gesellschaft herausfinden! Dabei mag uns nützen, wenn wir im Auge behalten, wo sich Weltgeschichte und Regionalsgeschichte schon einmal berührt haben, denn das sind eventuell Hinweise auf Käftespiele, in denen wir auf Handlungsfähigkeit aus sein sollten.