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"Erinnere dich und vergiss nicht!" #

Warum die Wiener Namensmauer für Österreichs ermordete Juden in dieser Form notwendig war.#


Von der Wiener Zeitung (18. November 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Fritz Rubin-Bittmann


Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als 'U-Boot'. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert
Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.
Foto: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Im Wiener Ostarrichipark steht seit kurzem ein neues Denkmal für die österreichischen Opfer des Holocaust: eine Mauer mit den Namen von 64.440 Juden. "Sachor we lo tischkach!" ("Erinnere dich und vergiss nicht!") ist ein religiöses Gebot im Judentum. Gedenken bedeutet im Judentum mehr als bloßes Erinnern. Am Sederabend (Pessach-Fest) beim Verlesen der "Haggadah", des Berichts über den Auszug aus Ägypten vor mehr als 3.000 Jahren, heißt es: "Erinnere dich, als wärest du dabei gewesen; sprich mit deinen Kindern und diskutiere mit ihnen." Dieses Erinnern gilt nicht nur für die gegenwärtige Generation, sondern auch für alle zukünftigen. "Sachor" ist also Ausdruck für eine Ethik des lebendigen, fortwährenden Erinnerns.

Das Wiener Namensmahnmal ist die Verwirklichung einer Idee des Shoah-Überlebenden Kurt Yakov Tutter, der 21 Jahre lang dafür kämpfte und sich trotz aller Widerstände und Irreführungen durch hochrangige Politiker und Bürokraten nicht entmutigen ließ und dabei von Ex-Kanzler Sebastian Kurz unterstützt wurde. Dass es nach dem November-Pogrom 1938 Jahrzehnte dauerte, bis würdige Erinnerungsorte geschaffen wurden, wundert nicht, wenn man die österreichische Nachkriegsgesellschaft betrachtet.

Die Lebenslüge der Zweiten Republik#

Adolf Hitler war zwar militärisch besiegt, ideologisch lebte er aber weiter. Österreich galt völkerrechtlich als erstes Opfer Hitler-Deutschlands, gleichzeitig aber bestand im damaligen Österreich eine traditionelle "Anschluss"-Sehnsucht und eine enorme Anziehungskraft des Nationalsozialismus. Viele empfanden ihn nicht als Fremdherrschaft und Terrorsystem, Antisemitismus und NS-Ideologie waren in der Bevölkerung weiterhin vorhanden. Die Alliierten galten nicht als Befreier, sondern als Besatzer. Im kollektiven Bewusstsein war der Krieg verloren worden, und das Ende der NS-Diktatur galt als "Zusammenbruch".

Aus dem Spannungsverhältnis zwischen offizieller Selbstdarstellung der Zweiten Republik und tatsächlicher Gesinnung weiter Teile der Bevölkerung entstanden Österreichs politische Lebenslüge und gegenüber den ermordeten Juden das, was der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich als "die Unfähigkeit, zu trauern", bezeichnete. Man war froh, dass es keine Juden gab. Viele Österreicher waren durch Arisierung und Raub Nutznießer des NS-Systems. In Wien wurden 70.000 jüdische Wohnungen sowie 25.000 Geschäfte und Unternehmungen arisiert, und an Universitäten, in Wirtschaft und Politik bildeten Verfolgung und Vernichtung der Juden die Basis für Karriere, wirtschaftlichen und politischen Aufstieg zahlreicher Österreicher. Überlebenden begegnete man mit Feindschaft und Ablehnung.

Ein mickriges Denkmal beim einstigen Aspangbahnhof#

Was nun das neue Namensdenkmal betrifft, so fiel der Ort, von dem in Wien aus die Juden in die Todes- und Vernichtungslager deportiert worden waren, dafür aus. Es wäre das Gelände des Aspangbahnhofs im 3. Bezirk gewesen, wo seit September 2017 ein unansehnliches Denkmal steht, das unter der Ägide des damaligen Wiener Kulturstadtrates Mailath-Pokorny errichtet wurde im Bestreben, den Wünschen der Anrainer zu entsprechen, dass es so wenig wie möglich stören und beeinträchtigen solle. Es sollte zum Ensemble der Gemeindebauten passen und faktisch ein Teil des anliegenden Kinderspielplatzes werden. Zu Recht protestierte Tutter ebenso wie die Holocaust-Überlebenden Leo Luster und Herbert Schwarz gegen dieses mickrige Denkmal, das nicht auf die jüdischen Opfer hinweist, sondern nur im Text wandseitig den Begriff "Deportierte" trägt. Erst eine nachträglich beigefügte Tafel vermittelt die notwendigen Hinweise.

Das Mahnmal auf dem Judenplatz
Das Mahnmal auf dem Judenplatz
Foto: Bwag. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 4.0
Schon seit dem Jahr 2000 steht auch auf dem Wiener Judenplatz ein Holocaust-Mahnmal. Es stellt eine verschlossene Bibliothek dar, deren Regale nach außen zeigen und mit scheinbar endlos vielen Ausgaben ein und desselben Buches bestückt sind, die für die große Zahl der Opfer und ihre Lebensgeschichte stehen. Man kann darin auch ein Symbol für das vernichtete jüdische Wissen sehen und wohl auch einen Hinweis auf die Bücherverbrennungen. Es ist aber eben kein Namensdenkmal. Ein weiteres Mahnmal am Morzinplatz, wo einst die Gestapo ihre Zentrale hatte, erwähnt die Juden mit keinem Wort.

Luster und Schwarz kämpften gemeinsam mit den Bezirkspolitikern Karl Hauer und Rudolf Zabrana für ein explizites Namensmahnmal für die deportierten und ermordeten Juden auf dem Gelände des Aspangbahnhofs. Politische und bürokratische Sabotage verhinderten es - trotz Finanzierungszusage des damaligen Stadtrats Rudolf Schicker: Nicht verhindert werden konnte, dass in der Umgebung der Platz der Deportierten entstand und Straßen nach Menschen benannt wurden, die sich durch Mut, Menschlichkeit und Hilfe für die Verfolgten während der NS-Zeit bewährt hatten. Und Aron Menczer, der 1943 mit 1.196 Waisenkindern freiwillig in den Tod in Auschwitz ging, ist heute ein Bildungscampus im 3. Bezirk gewidmet.

Etwa zu dieser Zeit wurde auch Tutter aktiv. Das von ihm initiierte Mahnmal im Ostarrichipark erfasst durch Eingravierung des Namens jeden Ermordeten als einzigartigen Menschen in voller Würde und ermöglicht ein Gedenken im Sinne der jüdischen Tradition. Es erinnert nicht nur an die Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern auch an den "Winterschlaf des Weltgewissens", also an jene, die wussten und dennoch schwiegen.

Das Mahnmal im 3. Bezirk: 30 Meter lange Schienen verlaufen in einen Betonblock
Das Mahnmal im 3. Bezirk: 30 Meter lange Schienen verlaufen in einen Betonblock
Foto: Christian Michelides. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 4.0

Die Vernichtung der jüdischen Volksgemeinde in Wien, die etwa 220.000 Menschen zählte, hinterließ geistig und kulturgeschichtlich große Lücken. Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft der jüdischen Vorkriegsgemeinde beeinflussten die Moderne und machten Wien zu einem Zentrum geistig-wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts, zu einem Mekka der Medizin. 17 Nobelpreisträger entstammten dem Judentum. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Monarchie zerschlagen und Österreich ein unbedeutender Rumpfstaat. Dennoch war auch die Erste Republik eine kulturell-wissenschaftliche Großmacht.

Den Menschen mitsamt seinem Namen auslöschen#

Nach dem "Anschluss" verkündete Gauleiter Baldur von Schirach seinem Führer stolz, Wien sei judenrein. Er pries das Verschwinden der Wiener Juden als große kulturgeschichtliche Tat. Es war, als hätten diese Menschen nie gelebt. Nichts sollte in Wien an sie erinnern. Die Nationalsozialisten wollten alle Spuren ihrer Verbrechen beseitigen. Die Opfer sollten de facto zweifach ermordet werden: physisch und namentlich, ganz in Sinne des biblischen Wortes von der "damnatio memoriae": "Der Name möge für ewige Zeiten ausgelöscht sein." Den Nazis war die Bedeutung des Namens voll bewusst bei Ausgrenzung, sozialer Isolierung, Stigmatisierung und Vernichtung ihrer Opfer.

Als Sklavenarbeiter in Fabriken und KZ war der persönliche Name als Wesensmerkmal nicht erforderlich. In den Unterarm wurden Nummern eingebrannt, die ihn ersetzten. Dieses Symbol entmenschlichter Kennzeichnung war für die industrielle Nutzung wichtig. Den Menschen wurde damit jede Individualität genommen und die beabsichtigte Dehumanisierung vollendet. Von den Ermordeten sollte übrig bleiben - lediglich die zu verwertenden organischen und anorganischen Substanzen: Menschenhaar und Asche für Dünger und Winterbestreuung, tätowierte Haut als Überzug für diverse Gegenstände, Skelette für das anatomisch-anthropologische Institut der SS; Bauchfett und Brüste als Nährboden für Bakterienzüchtung und zur Seifenherstellung.

Ein Mahnmal mit den Namen der Opfer gibt diesen Identität und Würde als Person zurück. Dieser Gedanke war auch maßgebend für die Gründung der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, entsprechend einem Vers des Propheten Jesaja: "So gebe ich ihnen in meinem Haus und meinen Mauern Mahnmal und Namen, mehr wert als Söhne und Töchter. Ich gebe ihnen einen ewigen Namen, der nie mehr getilgt wird." Die Erinnerung an die ermordeten Juden basiert auf der Überdauerung ihrer Namen. Die neue Wiener Namensmauer entspricht der jüdischen Tradition und ermöglicht den Nachkommen ein würdiges Gedenken.

Wiener Zeitung, 18. November 2021

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